Ein Dämon bei Tims feuerfrischen Kochschlachten

Und ein herzliches Willkommen bei Tims feuerfrischen Kochschlachten!
Heute zu Gast bei mir im Studio: Yagrax!
Einen Feuerstellen-Applaus für den Schattendämon!

Die Tür öffnete sich, und herein kam ein gut aussehender Mann, vielleicht Mitte zwanzig. Und doch, obwohl er gut aussah, erstarb der Applaus, und Gemurmel begann unter den Studiogästen. Denn etwas stimmte nicht: Wer trug schließlich eine Hose und ein Oberteil, das wie eine Rüstung aussah, alles in Schwarz – und darüber einen Mantel, ebenfalls schwarz?

Tims feuerfrische Kochschlachten waren für ihre ungewöhnlichen Gäste bekannt, aber so jemand war noch nie hier gewesen.

„Was ist das hier? Was wollen diese Menschen hier?“ Yagrax hielt seine Nase schnuppernd in die Luft. Aber es erinnerte nicht an ein niedliches Kaninchen – eher an einen Wolf auf der Jagd.

„Herzlich willkommen bei den feuerfrischen Kochschlachten!“, begrüßte Tim und zuckte zusammen, weil ein sehr scharf aussehendes Messer auf sein Gesicht gerichtet war.
Er schaute nervös zur Kamera und nahm sich zusammen.

Dann schob er ganz sachte von oben das Messer nach unten, mit den Worten:
„Kochschlachten, Yagrax. Wir sind nur zum Kochen hier. Heute darfst du uns deine drei Lieblingsgerichte präsentieren. Sag uns einfach nur, was du vorhast und was du dazu brauchst.“

„Ich verstehe das alles nicht. Wo bin ich hier?“
„In einem Fernsehstudio – kein Grund zur Panik. Die Menschen wollen einfach nur sehen, wie du kochst. So als echter Dämon.“

„Studio?“ Yagrax überlegte, steckte dann sein Messer ein und begutachtete die Küche.

„Yagrax, meine Damen und Herren, kommt direkt aus der Unterwelt zu uns! Er ist einer der gefürchtetsten Helras und stammt aus einer vollkommen anderen Ära. Ja, wirklich, mein feuriges Publikum: Er hat noch nie etwas wie das hier gesehen. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten sie im Mittelalter noch nicht einmal fließendes Wasser.“

Tim wurde von einem wütenden Knurren unterbrochen.

„Bei allen Schatten. Worauf soll ich hier kochen? Hier ist kein Feuer!“
Yagrax starrte auf die schwarze Platte vor ihm. Das Induktionskochfeld ging sichtbar nicht in Flammen auf.
„Und kein verdammter Brazkrasos, wenn man einen braucht.“

„Hier“, erklärte Moderator Tim und drückte die unsichtbaren Tasten. Yagrax’ Blick wandte sich langsam zu ihm.

„Du riechst lecker“, brummte er.

Als er die Hand unter seinen Mantel schob, stotterte Tim: „Dort drüben sind die Zutaten.“ Dann machte er eilig einen Schritt zurück.

„Also, mächtiger Yagrax – willst du uns verraten, was du heute für uns kochst?“

„Ich weiß immer noch nicht, wie ich hierhergekommen bin, aber ich koche, was ich heute sowieso für die Nosgrek-Schatten gekocht hätte, wenn ich jetzt noch in unserer Höhle wäre, wo ich gerade eben war.“

„Nosgrek-Schatten?“, hakte Tim vorsichtig nach.

Yagrax brummte. „… Ich wäre heute mit Kochen dran. So wie immer.“

„Du kochst jeden Tag?“

„Bei allen Schatten – nein. Wieso sollte ich das denn?“

„Na ja, wenn du immer dran bist …?“

„Ja, aber wer muss denn bitte jeden Tag essen?“ Yagrax verdrehte die Augen und zischte etwas.
Danach grinste er scharf und sprach weiter: „Einmal im Monat treffen wir uns, um die Wächteraktivitäten zu besprechen, neue Pläne vorzustellen und Vexkars neueste Befehle anzunehmen. Was wäre ein solches Treffen ohne ein vernünftiges Essen?“

„Vexkar?“

Yagrax zuckte zusammen. „Vergiss den Namen, Mensch. Und jetzt lass mich kochen.“

Tim zögerte kurz. Die bedrohliche Stimmlage in Yagrax’ Stimme hatte beim letzten Satz dramatisch zugelegt.

Schließlich wandte der Moderator sich dem Publikum zu. „Wir werden schon noch erfahren, was er kocht. Nicht wahr? Schließlich ist nun der Augenblick gekommen, unsere drei Tester des heutigen Abends vorzustellen. Denn wie ihr wisst: Der Koch kommt hier erst aus dem Studio, wenn die Testesser satt und zufrieden sind.“

Es zischte. Es knallte.
Direkt neben Tim zitterte ein Messer in der Wand – mit auffälliger Ähnlichkeit zu dem Messer, das bereits einmal kurz vor seinem Gesicht gewesen war.

„Ich gehe, sobald ich fertig bin. Und das Essen nehme ich mit.“

Tim nickte zustimmend, warf aber leise ein: „Fragt sich nur, ob du das auch kannst, ohne die Testesser überzeugt zu haben …“

Dann lauter: „Und nun, mein feuriges Publikum – hier sind:
Esmeralda, die Fetzige. Jasper, der Wahnsinnige. Und Tilli, die Heroische.
Allen gut bekannt als das härteste Trio, das die Gaumentester zu bieten haben!“

Eine Tür öffnete sich rechts in der Wand – weit genug weg von Yagrax, der gerade eine auffällige rote Flüssigkeit in einen großen Topf kippte.

Heraus traten drei Menschen.
Die Erste trug einen so löchrigen Hosenanzug, dass man sich unwillkürlich fragte, wie der Stoff überhaupt zusammenhielt.
Der Zweite hatte seine Haare zu einem langen Pferdeschwanz gebunden, an dessen Ende mehrere Anhänger aus Alufolie baumelten.
Und die Dritte schritt auf so hohen Schuhen einher, dass es fast nicht auffiel, dass sie normalerweise einen ganzen Kopf kleiner als die anderen gewesen wäre.

Die drei nahmen an der vorbereiteten Tafel Platz, die heute zu Ehren des Kochs komplett in Schwarz gedeckt war. Nur die Gläser waren dunkelrot – als wollte man verdecken, was es heute zu trinken gab.

„Meine feuerscharfen Testesser – herzlich willkommen! Darf ich nun jeden von euch bitten, euch kurz vorzustellen, wie es üblich ist?“

„Hi. Ich bin Tilli – und es gibt kein Gericht, dem ich nicht widerstanden hätte.“
„Hi. Ich bin Jasper – und wer mich bis jetzt nicht vergiftet hat, der kann es einfach nicht.“
„Hi. Ich bin Esmeralda – und bei mir sollte sich das Essen warm anziehen. Nicht anders herum.“

Der Applaus war laut. Yagrax blickte verstört in die Runde. Um seine Hände herum schien es zu wabern.

Schließlich knackte er mit den Fingerknöcheln und die Luft um ihn herum klarte auf. Aus seinem Mantel zog er ein ledergebundenes, dunkelgrünes Buch. Ganz kurz hielt er es so, dass Zeichen vorne drauf zu erkennen waren – tief ins Leder gebrannt.

Tim kam näher. „Was hast du da?“

Yagrax sah ihn an, runzelte die Stirn, glättete die Stirn, seufzte und erklärte: „Mein Queeredat. Ein Kochbuch.“

Tim linste hinein. „Selbst geschrieben?“

Yagrax lächelte. Es jagte einem Nadelschauer über den Rücken.
„Da, schau her. Allerfeinstes Menschenblut.“ Er grinste noch breiter, seine Augen verdrehten sich. „Ein lauer Herbstabend. Blätterrascheln. Sie war so unfassbar schön.“

„Äh … ja“, stotterte Tim.

Yagrax’ Worte sprachen von Romantik – aber nicht so, wie er sie sagte. Seine Stimme brachte jeden im Raum dazu, an einen Psychothriller zu denken. Genau an den Moment, wo der Protagonist die Tür öffnen will, und jeder denkt: „Nein, tu das nicht!“

„Was wirst du denn … äh … kochen? Womit wirst du dich aus den Fängen der Jury befreien?“

„Zur Vorspeise: geschabten Zwiebelkuchen. Das ist das Rezept hier.“ Er tippte mit dem Finger auf das Buch. „Dann: verbrannte Yllventrosschnitten. Ich bekam das Rezept bei einem spektakulären Sieg in der Arena. Und dann – zum Schluss – meine im ganzen Land bekannte Windblutsuppe.“

Sein Blick wanderte über die Zutaten im Kochstudio. Dann zog er einen kleinen Ledersack von seinem Gürtel ab. „Nur gut, dass ich die wichtigste Zutat dabei habe.“
Die Flasche, die er herauszog, war blutrot – und es war nicht das Glas, das bunt war.

Tim starrte darauf und schien die Kameras zu vergessen. Geschlagene fünf Minuten bewegte er sich nicht, während Yagrax schaute, schälte und schnitt, Pfannen tanzen ließ, Löffel balancierte und mit den Fingern Gewürze verrieb.

Die drei Testesser verfolgten hypnotisiert jeden Schritt.

Tim riss sich los und wankte zu den Testessern hinüber, beugte sich zu Tilli, die angespannt nickte.

Das Studio war still.

Auf einmal zischte eine Flamme hoch. Yagrax hielt einen Teller mitten hinein und servierte ihn dann den dreien. Dazu goss er eine rote Flüssigkeit in die Gläser – was nur so lange zu sehen war, bis der Inhalt in den ohnehin roten Gläsern verschwunden war.

„Ich fürchte mich vor niemandem“, erklärte Tilli und schnitt sich ein Stück der Schnitte ab, die vor ihr auf dem Teller lag. Sie hob die Gabel, sah noch einmal auf den schwarz gekleideten Koch, atmete tief ein und biss hinein. Langsam kaute sie. Ein Klirren erklang, einer der Zuschauer bückte sich hektisch, und drehte den heruntergefallenen Würfel weiter in der Hand. Alle Blicke hatten sich auf Tilli gerichtet.
„Mhm“, erklärte sie. „Das schmeckt!“

Esmeralda drehte ihren Kopf schräg, um ihre Mittesterin zu beäugen. Dann schnitt sie sich ebenfalls ein Stück ab, biss hinein und kaute. Nickend und schmatzend sagte sie: „Völlig entgegen meiner Vermutung. Tilli hat Recht.“

Auch Jasper hatte sich daran gemacht, ein Stück Schnitte abzuschneiden, stopfte es in seinen Mund, schluckte hastig hinunter und hielt die Luft an. Dann stand er auf, verneigte sich und dröhnte zum Publikum: „Wer hätte gedacht, dass man den Geschmack eines krasonischen Essens überlebt.“
Donnernder Applaus erfüllte das Studio.
Yagrax lächelte, goss sich selbst einen Becher ein und hob ihn hoch. „Szevak!“ Dann trank er. Die Testesser sahen sich an, Augenbrauen erhoben, nahmen dann aber ihre Becher und tranken ebenfalls.
Nur Tilli schaffte es, zu schlucken. Jasper prustete seinen Schluck aus und wischte sich hastig den roten Mund ab. Esmeralda spuckte und würgte.
Tim eilte mit einer Flasche Wasser herbei und reichte allen dreien verstohlen ein feuchtes Tuch.

„Nun, meine feurigen Damen und Herren“, wandte er sich in die Kamera. „Es ist schon etwas anderes, einen solchen Gastkoch unter uns zu haben.“ Er wischte sich mit der Hand über die Stirn. „Also, Yagrax, womit geht es weiter? Ich dachte, der geschabte Zwiebelkuchen sei die Vorspeise?“

„Ja, unter Krasos wäre es das gewesen. Für hier … dachte ich mir, dass ich die Reihenfolge besser tausche. So ist es freundlicher für die menschlichen Gaumen.“ Er lächelte immer noch, so breit, dass seine Zähne schimmerten.

„Ah“, machte Tim. Er trat von einem Bein zum Nächsten, schwieg aber still und sah abwartend zu, wie Xagrax nun eine Klinge aus seinem Gürtel zog und diese wieder und wieder auf das Brett mit den Zwiebeln herabsenkte. Das Publikum hielt sich die Ohren zu. Es klang, als würde einer mit langen Fingernägeln auf einer Tafel entlang kratzen.
Tim räusperte sich, schüttelte den Kopf. Räusperte sich wieder. Sah seine Testesser an. Tilli hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Augen geschlossen. Esmeralda die Arme auf dem Tisch verschränkt, den Kopf darin versteckt. Und Jasper wiegte sich im Rhythmus, die Aluzöpfe baumelten hin und her. Gerade als Tim sich zurück zu Yagrax drehte, schrillte ein Schrei durch das Studio. Aus Tillis Ohren tropfte Blut herab.
„Notarzt“, keuchte Tim. Dann zog er sein Handy aus der Tasche. „Komm schon du dummes Ding, was ist los mit dir?“, brüllte er und tippte darauf herum. Aber es ging nicht an.
Taschen raschelten, jeder suchte nach seinem Handy. Aber keines tat etwas.
Tim rappelte an der Tür. Zog, zerrte. Sie blieb verschlossen.
„Yagrax!“, kreischte er.
„Nur ruhig, Tim. Du sagtest doch, wir können hier erst raus, wenn die Testesser mein Essen gekostet haben. Wir sind noch nicht am Ende.“
Mit den Worten stellte er jedem der drei ein Stück Zwiebelkuchen hin. Keiner rührte sich.
„Esst“, forderte er sie auf. Das Messer in der Hand.
Hastig nahm sich jeder der drei eins, auch Tilli, deren Ohren weiter bluteten.
Sie kauten, schluckten, nickten. Yagrax lächelte.

Dann wandte er sich wieder dem Herd zu, auf dem der letzte Gang blubberte. Leise sang er, immer lauter werdend. Das Publikum lachte nicht mehr. Alle starrten auf ihn oder auf Tilli, auf die geschlossenen Türen. Auf die toten Handys in ihren Händen.
Der Gesang erfüllte den ganzen Raum. Tim, dem das Blut wie Eiszapfen durch die Adern rauschte, atmete ein und aus. „Mächtiger Helras“, säuselte er, klar um einen anderen Ton bemüht. Doch die Angst hallte klar durch seine Worte. „Willst du uns nicht übersetzen, was du singst?“
„Gerne doch.“ Yagrax Stimme war samtweich, sobald er das krasonische verließ.

„Sieben mal Schatten,
sieben mal Wind,
zerreißen die BÄume,
zerhacken die Äste,
zerkauen die Knochen,
schlürfen das Mark,
sammeln das Blut und
Tauchen die Reste,
Hinein, hinein.“

Tim hob eine zitternde Hand. „Danke. Das genügt.“
Und dann wandte er sein kalkweißes Gesicht ab, würgte, schluckte, atmete.

In dem Moment zog ein neues Geräusch den Blick aller Menschen. Wie ein Windhauch, der durch löchrigen Felsen laut. Jasper, der seinen Kopf komplett still hielt, versuchte mit fahrigen Händen die Aluanhänger zu fangen, die wild geworden hin und her baumelten. Auf seinem Gesicht erschienen schwarze Linien, immer mehr. Formten sich zu Mustern. Er röchelte. Dann riss er seine Augen auf, griff mit beiden Händen an seine Kehle und fiel um.
Zwei weitere dumpfe Schläge folgten. Tilli, deren Kopf in den Resten vom Zwiebelkuchen gelandet war. Esmeralda, die seitlich vom Stuhl gekippt war. Beide waren mit den gleichen schwarzen Mustern gezeichnet.

Tim machte einen Satz auf sie zu, aber wurde von Yagrax aufgehalten.
Der Dämon kreuzte die Hände vor der Brust. „Bin ich nun frei?“
Tim nickte.
Yagrax drehte sich zu den toten Testessern. Schatten waberten um seinen ganzen Körper herum, formten sich zu langen Fäden, die sich um die Toten wanden. Lautlos.

Keiner rührte sich. Es war so still, dass zu hören war, wie die Menschen atmeten.

Yagrax zog die Fäden wieder an sich. Stellte sich vor die Kameras.
„Ich bin Yagrax. Ich bin einer der Queereden. Ich kämpfe. Ich sammle. Ich koche. Und wer sich mir in den Weg stellt, der geht. Für immer.“
Dann löste er sich auf.

Schluchzend kniete sich Tim neben seine Testesser. Schloss mit zitternden Fingern ihre Augen. Strich über die schwarzen Linien. Tränen netzten den Boden.

Mit einem Mal richtete er sich ruckartig auf. Riss seine Finger zu sich und hob sie zum Schwur, direkt in die Kamera guckend.
„Esmeralda, Jasper, Tilli – nie hätte ich so etwas geglaubt. Sie werden ihren Namen bis weit in die Jahrhunderte tragen. Dies hier ist die höchste Warnung. Mit Krasos ist nicht zu spaßen. Yagrax mag frei sein. Aber ich werde nicht ruhen, bis ich einen Wächter gefunden habe. Einen Wächter, der Yagrax verfolgt und findet.
Und dann werden wir uns hier wiedersehen. Wenn ich verkünden kann, dass der letzte Kandidat von Tims feuerfrischen Kochschlachten nie wieder einen Löffel in die Hand nehmen wird.“

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