Zwiegespräche in Aethels Taverne – der Tote
„Vor dem Haus liegt ein Toter.“ Breanos hob eine Augenbrauen. „Dein Werk, Glatzhaar?“
„Warum sollte es meins sein? Ich bin mir sicher, dass du nicht weniger oft getötet hast, als ich. Abgesehen davon finde ich den Tod langweilig.“
Nerex legte seine Würfel auf den Tisch, drehte den einen, der aus der Reihe fiel, weil er keine Zahlen trug.
„Langweilig“, wiederholte Breanos.
„Ja, Seelenfinder, langweilig. Endgültig. Ein einziger Stoß, dann ist es vorbei. Nicht einmal Lieder kann man gut über einfache Tote dichten.“
„Meinst du, die Frau, die Mutter, die Schwester des Toten findet es langweilig, dass er tot ist?“
In Nerex Augen spiegelte sich das Licht der Öllampen, die von Aethels Tavernendecke herunter hingen.
„Danach hattest du ja nicht gefragt, Seelenfinder. Nein, sie werden es nicht langweilig finden. Woran du siehst, dass Familie eben alles verkompliziert. Aber das wusstest du schon, nicht wahr? Nicht umsonst ist dein Schützling wegen seiner Familie in die Unterwelt gekommen und zum Schattendämon geworden.“
Breanos setzte zu einer Erwiderung an, da kam Aethel an den Tisch. Sie stellte einen Krug vom Roten und ein Ale hin. „Und“, fragte sie leichthin, „war er es? „
Breanos schüttelte den Kopf. „Wie ich erwartet hatte, nein, er war es nicht.“
Aethel schaute Nerex an. Eine Minute verging. Dann ging sie.

„Sie glaubt dir nicht“, bemerkte Nerex.
„Doch. Sie trauert nur um eine einfache Lösung. Aber die gibt es nicht, nicht wahr?“
Breanos seufzte. „Es sind Dinge im Gange. Ein Krieg am Horizont.“
„Kriege sind nützlicher, als ein einzelner Toter. Findest du nicht auch, dass sie wunderbar von anderen Schwierigkeiten ablenken? Ich mein, ihr habt einen Abtrünnigen in den Reihen, aber ein Krieg, das schweißt zusammen. Da lässt es sich auch noch darüber nachdenken, ob nicht Krasos dran schuld sind. Dann seid ihr Wächter wieder in eurer überlegenen Position, die Menschen nur Verlierer, und wir das Böse. So einfach, nicht wahr?
Ein Toter vor der Tür jedoch? Ohne Grund, ohne eine Möglichkeit, sich des Lichts zu bedienen. Denn gegen wen sollt ihr noch schützen, wenn es doch nur ein Einzelner ist. Einer, der sich womöglich noch selbst erledigt hat. Ein Krieg bietet da doch viel mehr.“
Breanos trank. „Weißt du, ich glaube es war besser, als wir uns noch über Grimdark unterhalten haben.“
„Ach Seelenfinder. Ist das, worüber wir hier reden etwa kein Grimdark? Eine Welt, in der der Einzelne nichts bedeutet. Er kann nur überleben oder sterben. Aber das System dreht sich weiter.
Nun schau nicht so grimmig, Seelenfinder.
Ich denke, ich werde dir ein Lied singen. Vielleicht über den Toten. Vielleicht hilft es dir, wenn er eine Bedeutung bekommt.“
Nerex stand auf, beugte sich zu Breanos: „Das ist wirklich nur für dich, aber ob es wahr ist? Das darfst du dich fragen.“
Dann steckte er seine Würfel ein und trat zur Bühne.
Ein Toter lag allein am Fluss
Sein Leben, abrupt genommen
Vom lichten Pfad gewonnen
Er war einer mit Hoffnung,
Doch nun ist er stillDes Mannes Arbeit war gerecht
Er liebte, sorgte, kämpfte echt
Stand für die Armen ein
Trug in sich hellen Schein
Und doch war er verloren
In Bitternis erfrorenEin Helfer, er vergaß sich nicht
Sogar im Suff blieb er bei sich
Verhöhnte und verlachte nicht
Er ging nur seiner Wege
Doch nun ist er stillDes Mannes Arbeit war gerecht
Er liebte, sorgte, kämpfte echt
Stand für die Armen ein
Trug in sich hellen Schein
Und doch war er verloren
In Bitternis erfrorenVerbarg er etwas, fragst du dich
Was wusste er, war er für mich
Doch mehr als nur ein fremder
Was machte ihn gefährlich
Dass nun er ist stillDes Mannes Arbeit war gerecht
Er liebte, sorgte, kämpfte echt
Stand für die Armen ein
Trug in sich hellen Schein
Und doch war er verloren
In Bitternis erfrorenDie Wahrheit Freund ist einfach
Was er besaß, das nahm man ihm
Ob Weib, ob Kind oder den Hof
Nichts blieb mehr für ihn übrig
Und nun ist er still
Nerex verbeugte sich, zwinkerte Breanos zu, setzte seine Kapuze auf und verließ Aethels Taverne.
Breanos blieb zurück. Und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum auf der Welt so viel Grausames geschah.
Und wie einfach es doch wäre, alles den Krasos, den Dämonen, zuzuschreiben.
Doch was würde sich ändern, wenn man sie alle vernichten könnte?
Beormere wächst mit jeder Frage.
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