Iskaels Suche

Tokofe, Achter Mond 1302

„Ja, ich reite. Aber ich reite allein.“ Iskaels Blick verlor sich bereits in der Ferne. Beinahe hörte er Breanos Worte nicht mehr.
„Nimm deine Brüder mit.“
„Nein. Ichwerde allein suchen.“
Er sah Breanos an, direkt in die Augen, auch wenn es ihm schwerfiel. Manchmal musste der andere die Wahrheit so gezeigt bekommen. Breanos seufzte, und nickte dann.

„Ich werde ihn finden“, sagte Iskael und legte seinem Ausbilder kurz die Hand auf den Arm.

„Die Frage ist nur, wie du ihn finden wirst“, murmelte Breanos.

Iskael schloss die Hand um sein Drevzaba. Das Holz erwärmte sich in seiner Hand, sandte feine Strahlen der Sicherheit seinen Arm hinauf, doch sie reichten nicht ganz bis ans Herz. Wo bist du Bruder?

Er verließ den Garten, achtete nicht auf die bunten Blumen, die seinen Weg säumten, nicht auf die kühlen Mauern des Tempels, durch die er eilte. Hinaus. Hinaus aus der schützenden Anlage, aus seinem Zuhause. Was half Schutz, wenn der, der zu ihm gehörte, nicht mehr hier war?

Aus seiner Kammer nahm er den vorbereiteten Reisebeutel, aus dem Stall lieh er sich eines der Pferde. Eljach, sein liebster Brauner, ging willig mit ihm. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages begleiteten sie aus Tokofe hinaus. Iskael wählte den Weg nach Nordwesten. Durch Grennland hindurch nach Erirfort.
„Ich weiß nicht, Eljach, ob das die richtige Richtung ist. Ich weiß nicht, wo Andrarg sein kann. Breanos sagte, hier sei Segar gefunden worden, aber warum sollte Andrarg hierherkommen? Er weiß doch, dass Segar nicht hier ist. Nein, ich glaube nicht, dass er hier ist. Aber eine bessere Idee habe ich auch nicht.“ Er zog die Zügel an. Und dann ritt er schweigend.


***

„Drei Wochen Tage, Eljach. Drei Wochen und keine Spur. Kein einziger Hinweis.“ Er strich seinem Pferd übers Fell, sattelte ihn ab für die Nacht. Es tröpfelte leicht und er versuchte ihre Sachen so gut es ging zu verstauen, dass am nächsten Tag nicht alles durchgeweicht sein würde. Der Regen selbst machte ihm nichts aus. Aber er saß nicht gerne auf einem nassen Sattel.
„Breanos hatte Recht, weißt du? Ich alleine bin nicht genug für diese Suche. Jetzt sind wird schon auf zwei der Orte gestoßen, wo es Anzeichen für ungewöhnliche Vorkomnisse gab, aber es hatte nichts mit Andrarg zu tun. Morgen erreichen wir Chato. Aber mein Herz sagt mir, dass ich nichts finden werde. Er ist nicht hier, weißt du?“ Eljach schnaubte und rupfte sich einen Grashalm aus.
„Ja, ruh dich aus. Auch wenn wir nicht mehr weit müssen, wer weiß, wo es uns danach hintreibt.“

Iskael lehnte sich an den großen Baum, an dem er sein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Die Blätter raschelten. Er atmete leise, lauschte auf die Stimmen, die seinen Kopf erfüllten. Ließ sie zu, statt sich hinter seinen Schutzwällen zu verstecken. Sie raunten, aber er verstand sie nicht. Manchmal waren die Stimmen so klar, deutliche Worte in nidarenisch, manchmal auch veglirisch. Aber dann waren es Gegenstände, die er hörte. Bäume verstand er nie, sie hatten ihre eigene Sprache, zu der er keinen Zugang hatte. Trotzdem lauschte er weiter und summte vor sich hin, als Antwort auf ihr Raunen.

Sein Rücken schmerzte, als er erwachte. Er lehnte immer noch an dem Baum. Die Monde schienen durch die Blätter, sandten ein silbriges Licht auf den Waldboden. „Hier bist du geboren, Andrarg? Hier in diesen Wäldern hast du gespielt? Du hast es mir nie gesagt.“
Er zog das Drevzaba aus seiner Tasche. Er trug es immer bei sich, die Holzringe, die ineinander verbunden waren. Drehte an ihnen. „Warum hast du mir deine Familie verschwiegen?“, flüsterte Iskael in die Nacht.

Aber er wusste genau, warum.

Eljachs Hufe strichen über den Boden. Seine Ohren waren aufgestellt. Die Stimmen des Baumes veränderten sich.
Iskael stand auf, gerade rechtzeitig um einem Mann in die Augen zu blicken. Er war kleiner als er selbst, aber das waren viele Menschen. Er trug einen Reisemantel, aber weder schwarz wie die der Krasos, noch braun oder grau wie die der Wächter. Er war einfach nur ein Mensch. Keine Glyphen auf der Haut, keine Magie. Aber er war angespannt, die Augen geweitet, der Mund verschlossen.
Iskael lächelte ihn an. „Hier bist du sicher. Halt ein.“
Es schwappte wie eine Welle zu ihm herüber. Die Angst, die einen Knoten im Bauch bildete. Iskael zog die Luft ein, atmete bewusst wieder aus. Legte eine Hand auf seinen eigenen Bauch. Tränen, die sich in seinen eigenen Augen bildeten. Es schmerzte, sie festzuhalten. Er trat einen Schritt auf den Mann zu, der im gleichen Moment losrannte und versuchte, ihn umzurennen. Aber er hatte nicht die Kraft eines Wächters. Nur die Kraft eines Verzweifelten. Iskael hielt ihn.
„Sch“, machte er. Drückte den Mann an sich, hielt ihn. „Sch. Es ist alles gut. Hier bist du sicher.“
Es dauerte. Iskael horchte, während er den Fremden umschloss. Keine knackenden Äste. Keine Bewegung. Kein Tier, das irgendwo lauerte. Wo war die Gefahr? Was war mit dem Mann geschehen?
„Sch“, machte er immer wieder und zog die Mauer in seinem Kopf hoch, um die Stimmen auszusperren. Es war zu viel, denn zwischen das Raunen der Bäume hatte sich ein Wimmern gemischt. Keine Worte, sondern Angst, die hörbar wurde.
Iskaels Augen wollten sich schließen, wollten sich abschotten von der Welt, aber die Disziplin der Wächter hielten sie auf. Er musste wachsam bleiben.
Irgendwann entspannte sich der Mann in seinen Armen, sackte zusammen. Iskael setzte sich mit ihm, hielt ihn immer noch.

„Sie schreien“, flüsterte der Mann. „Sie schreien und schreien. Jede Nacht. Sie sind nie still.“
„Wer?“, raunte Iskael zurück.

„Die Kinder!“ Der Mann zitterte, schluchzte so heftig, dass sein ganzer Körper bebte.
„Sch“, machte Iskael wieder und wartete, bis die Welle sich beruhigt hatte. Aber diesmal ließ sich die Angst nicht einfach wegatmen. Der Knoten in seinem Bauch verstärkte sich, wuchs hinauf in die Brust, schlang sich dort um ihn herum. Seine Magie bettelte darum, freigelassen zu werden. Aber Menschen durften nichts von den Wächtern wissen. Vorsichtig, um den Mann nicht zu stören, den er hielt, schlug er mit dem Fuß einen Takt. Auf, ab, auf, ab. Eins, zwei, drei, vier. Eins, zwei, drei, vier. Die Welle ebbte ab. Auch der Mann beruhigte sich etwas.
„Welche Kinder?“, fragte Iskael leise.
„Sie sind tot.“ Die Worte kamen trocken, rau, hingen in der Luft. „Sie lagen da. Aufgereiht am Fluss. Der eine mit einem Stich im Nacken, zwei im Herzen. Eine hatte den Kopf aufgeschlagen, ein anderer die Kehle aufgeschlitzt. Und sie lagen da, als hätte jemand sie zum schlafen gelegt.“

Iskael schwieg, aber seine Hand glitt über den Rücken des Mannes, als sei er ein kleines Kind, das weinte.
„Zwei Wochen ist das her. Die erste Nacht war nichts. Aber in der nächsten kamen sie. Sie standen an meinem Bett. Schemenhaft, als seien sie nicht hier, aber auch nicht weg. Starrten mich an. Und dann öffneten sie gleichzeitig ihre Kehlen und schrien.“

„Was ist mit den anderen im Dorf? Hören sie sie auch?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Nur ich. Und ich weiß nicht, warum. Ich habe nichts mit ihrem Tod zu tun!“

Der Mann löste sich von Iskael, setzte sich ihm gegenüber, der gehetzte Ausdruck verflogen. Stumme Tränen auf seinen Wangen.

„Gehörte eines der Kinder zu dir?“ Iskael griff nach seinem Drevzaba. Aber hielt es einfach nur fest.

„Keines. Ich … Ich habe keine Familie. Ich lebe nicht einmal im Dorf. Ich …“ Er schluckte. „Ich habe einen kleinen Hof. Eine winzige Scholle nur. Mein Großvater war der jüngere Bruder des Bäckers. Für ihn gab es keinen Platz in der Bäckerei, aber er hat sich als Soldat etwas verdient und dann die kleine Scholle gekauft.“

„Vor zwei Wochen sind die Kinder gestorben, sagst du? Liegt dein Hof denn am Fluss?“
„Nein, auf der anderen Seite des Dorfes.“

„Und du bist der einzige, der sie hört?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht mit vielen darüber gesprochen. Nur mit zwei von den Frauen. Keiner redet gerne über die Kinder. Es ist, als würde ein Schatten über uns hängen. Aber kein anderer rennt nachts draußen herum. Keiner hat etwas gesagt.“

„Hm.“ Ein Schatten. Breanos hatte gesagt, es gab keine krasonische Aktivität in Chato. Von was für einem Schatten sprach der Mann? „Kannst du mich zum Fluss führen?“, fragte er vorsichtig. Sanft, damit er den Mann nicht verschreckte.

„Dort liegen nur Blumen.“
„Ich würde es trotzdem gerne sehen.“

Der Fluss flüsterte. Es waren andere Stimmen als das Rauschen der Blätter, aber Iskael konnte ihn genauso wenig verstehen. Nur ein Raunen, eine Geschichte, die erzählt wurde, aber nicht hörbar war. Dabei hätte ein Fluss wie dieser sicher über vieles zu berichten. Wie über die Kinder.
Es war keine Schattenmagie spürbar. Überhaupt nichts krasonisches. Wenn Iskael nicht gewusst hätte, dass hier ein Mord geschehen war, hätte er an Wächter gedacht. Über dem Ort, wo die Blumen lagen, flirrte die Luft leicht, wie es manchmal blieb, wenn ein Wächter die Kraft seines Schildes genutzt hatte.

Die Blumen waren einfache Spätsommerblumen, vom Feld gepflückt. Blau, Gelb, Rot, Lila. Gebunden in Kränze, wie es Menschenfrauen machten. Iskael strich mit der Hand über die Blüten, die bereits verwelkten und zuckte zusammen. So viel Leid, so viel Trauer. Leben, das fehlte. Es war ein Wehklagen in seinem Kopf und er riss abrupt die Mauern hoch. Atmete.

Wo bist du, Bruder? Ich brauche dich. Deine ruhige Stimme, die alles andere in meinem Kopf dämpft. Andrarg hätte gesehen, wie viel es Iskael kostete, ruhig zu bleiben. Sein Bruder hätte eine Hand auf seinen Arm gelegt und die Wärme wäre hindurch geflossen, hätte die Stimmen vertrieben.

Aber Andrarg war seit fünf Wochen spurlos verschwunden.

„Nur Blumen, wie ich sagte“, riss die Stimme des Mannes ihn aus seinen Gedanken.

„Nur Blumen“, stimmte Iskael zu. „Danke, dass du mich hierhergebracht hast.“

„Ich weiß nicht, was es dir nützt. Aber gerne. Ich kann eh nicht schlafen, bis die Sonne aufgeht.“

„Und dann? Legst du dich hin? Sind sie dann ruhig?“

Der Mann wiegte sich hin und her. „Manchmal leg ich mich noch eine Stunde hin. Vielleicht bin ich zu müde, um sie zu hören. Aber meistens verschwinden sie mit der Sonne.“

„Komm, ich begleite dich nach Hause.“ Der Mann nickte und lief los.

Iskael verabschiedete sich, aber ging nicht weit. Ruhig wartete er in der Nähe, bis er sich sicher war, das gleichmäßige Atmen eines schlafenden zu vernehmen. Dann betrat er das Haus.

Es war, als hörte er Andrargs Stimme in seinem Kopf.

Du musst ihm helfen, Iskael.“
„Es gibt hier keine Spur eines Krasos, Andrarg. Wir dürfen uns nicht einmischen.“
„Aber er wird sterben, wenn er nicht zur Ruhe kommt. Es sind Geister, die ihn nicht loslassen. Und das ist auch nur eine Form von Magie. Du kannst ihm helfen. Ich kann es nicht.“

Du glaubst, dass ich ihm helfen kann.“

Natürlich kannst du ihn heilen. Es ist nur eine Wunde, eine Wunde in seinem Kopf. Ausgelöst durch den Tod von fünf Kindern.“

Iskael lächelte, als würde Andrarg vor ihm stehen. „Was denn nun, Andrarg? Sind es Geister oder ist es eine Wunde in seinem Kopf?“

Eine Wunde, die als Geister sichtbar wird? Was weiß ich, Kel, aber ich weiß, dass du ihm helfen kannst. Wenn es eine Wunde ist, kannst du sie heilen. Und wenn nicht, kannst du ihm eine Mauer geben. Eine, die Stimmen verstummen lässt.“

Iskael beugte sich über den schlafenden Mann und zündete seinen Schild. Dann legte er die Hand auf den Kopf des Mannes und öffnete sich. Schmerz fuhr in ihn hinein. Und dann hörte er sie.

Die Schreie waren unerträglich. Doch er blieb im Kontakt. Tränen fielen zu Boden, seine Hand zitterte, sein Herz raste.
Dann war es vorbei. Stille.

Er stand auf und ging. Wunde oder Geister, der Mann würde die Kinder nicht mehr hören.
Nur warum hatte er es überhaupt erst getan?

***

Iskael stellte Eljach in den Stall. Wie so oft tauchte sein Ausbilder auf, noch bevor er den Sattel aufgehängt hatte. Als würde er spüren, dass einer seiner Schützlinge wieder da war.

„Hast du ihn gefunden?“

„Keine Spur. Nicht in Chato, noch irgendwo anders. Keiner hat ihn gesehen. Nichts.“

„Hast du sonst etwas Auffälliges bemerkt?“

Iskael zögerte. Was meinst du Bruder, habe ich etwas gefunden? „Nein“, sagte er laut. „Nichts.“

—————

Tokofe, elfter Mond 1302

„Iskael! Tauchst du auch mal wieder auf.“ Finaregs klare Stimme hallte über den Übungsplatz.

„Ich absolviere meine Übungen hier jeden Tag, wie ihr alle.“

„Ja, aber du bist meistens wieder fort, ehe wir auftauchen. Man könnte meinen, du meidest uns.“

Nein, Finareg. Aber man könnte meinen, dir fehlt der eine von uns nicht, der immer mit uns hier war.

„Jetzt siehst du mich ja. Aber nur kurz. Ich muss noch etwas erledigen.“

„Sag nicht, du verschwindest schon wieder in der Bibliothek.“

„Ich habe Dienst dort, Finareg. Ich tu meine Pflicht.“

„Wenn du meinst. Aber du wärst besser bei uns gewesen letzten Mond.“

Haben dir deine Wunden zu sehr geschmerzt, Freund? Denn mich wirst du kaum vermisst haben.

„Ich hatte einen anderen Auftrag. Aber ich glaube nicht, dass du beim nächsten wieder auf mich verzichten musst.“

Vielleicht tat er seinem Wächterbruder unrecht. Vielleicht vermisste der ihn doch und nicht nur seine Heilkraft. Siehst du, Andrarg? Ich werde bitter, seit du weg bist.

Aber diesmal hörte er seinen Bruder nicht.

In der Bibliothek wartete ein Buch auf ihn, dass ihm vergangene Nacht gerufen hatte. Iskael konnte nicht mehr sagen, wie viele Bücher er in den vergangenen Wochen gelesen hatte, ohne genau zu wissen, wonach er suchte. Breanos hatte ihn nach einem Auftrag im zehnten Mond von den anderen getrennt und Noranan, dem obersten Wächter der Chroniker, ausgeliehen.

„Du warst unaufmerksam, Iskael. Deine Brüder wären beinahe gestorben. Ich weiß, dass dir Andrarg fehlt. Dass du dir Vorwürfe machst. Mach dich nützlich und hilf Noranan. Und besinn dich darauf, dass du ein Wächter bist. Auch ohne deinen Freund.“ Aber wie so oft war Breanos Stimme dabei weich gewesen und Iskael hatte ihn nicht ansehen müssen, um zu wissen, dass auch ihn die Sorge und Trauer um Andrarg umtrieb.

Das Buch, das ihn gerufen hatte, war alt. Sehr alt. Es stammte aus dem alten Veglirien, und wenn Iskael es richtig verstand, war es noch während des blutigen Jahrhunderts geschrieben worden.

Seite für Seite blätterte er um. Las.

Es waren Prophezeiungen.
Verse, die in den wenigsten Fällen irgendeinen Sinn ergaben. An manchen stand eine Bemerkung am Rand, doch in einer solch unleserlichen Schrift, dass Iskael nichts damit anfangen konnte.

An einer Seite blieb er hängen. Hier ist, was du gesucht hast. Das hier musst du dir merken.

»Nordwind, Südwind, Westwind, Ostwind,

Brüder im Geiste, Brüder im Herzen.

Doch tobt erbittert der Orkan,

wenn einer sich gegen die anderen wendet.

Wenn einst das Licht zu Dunkel wird,

der Schild erlischt und Schatten kriechen,

der Bruder seinen Bruder bricht,

dann erhebt sich der Wind

und der Schatten regiert die Welt.«

„Aber ich weiß nicht, was das heißt“, flüsterte er.

Macht nichts. Das hier brauchst du. Bei deinem nächsten Auftrag.

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Noresiel, zwölfter Mond 1302

„Er wird mir folgen“, erklärte er zum dritten Mal der Alten.

Sie reichte ihm einen Tee.

„Das sagtest du bereits. Wer wird dir folgen?“

Iskael sah sie an. Die silbrigen Strähnen in ihrem langen Zopf leuchteten.

„Mein Bruder.“ Dann verschwamm seine Sicht.

Eine Hand legte sich auf seinen Rücken, streichelte ihn. „Es schmerzt dich.“

„Unbeschreibbar.“

Atmen. Ein. Aus. Ich hab dich gefunden, Bruder. Nur was jetzt?

„Ich hab ihn solange gesucht. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte ihn nicht gefunden.“

„Warum?“

„Weil er …“ Weil du etwas getan hast, von dem nicht einmal klar war, dass es möglich ist.

„Der Schild erlischt und Schatten kriechen“, flüsterte Iskael.

Die Alte schwieg, streichelte ihn immer noch. Durch ihre Hand drang Wärme. Und Licht. Er legte seine Hand auf ihren Arm. Ihr Kessel hatte ihn gerufen. Eine freundliche Stimme, eine verwandte Stimme. Und nicht die erste, der er auf seinen Reisen begegnete.

„Was weißt du von Magie?“, fragte er sie.

„Wissen? Ich weiß nichts von Magie.“ Sie lächelte. „Aber Magie wirkt in uns allen. In allem Leben. Und in dir ist Licht.“ Sie hob die Hand, drehte die Handfläche nach oben und eine kleine Lichtkugel bildete sich. „So wie in mir.“

Iskael hielt seine Hand daneben, die Kugel schwebte auf seine Hand. Er umschloss sie.

„Siehst du? Sie erkennt dich.“

„Menschen wissen nichts von Magie.“

„Und du? Was bist du?“

Iskael schluckte.

„Du kannst es mir sagen. Ich bin am Ende meines Lebens angelangt.“

Er griff nach ihrem Arm. „Woher weißt du das?“

Sie zog ihr Schultertuch enger um sich. „Ich weiß es. Reicht das nicht? Ich habe nie jemandem etwas von Magie gesagt. Ich heile mit Kräutern. Mit Sud und Dampf. Mit Tee. Das ist Natur, keine Magie, richtig?“ Sie seufzte. „Sie war immer da. Eine leise Melodie, die ich hören und verstehen kann. Sie hat mir schon damals gesagt, dass ich schweigen muss. Niemand wusste es je. Aber dreimal bin ich Menschen wie dir begegnet. Einer kam, als ich ganz klein war. Er trug einen grauen Mantel und ritt auf einem Pferd. Als er an der Hütte meiner Eltern anhielt, strahlte sein Gesicht. Es war so voller Hoffnung. Doch dann sah er mich, und seine Augen schlossen sich. Als er sie wieder öffnete, waren sie matt. Er redete kurz mit meiner Mutter, strich mir über den Kopf und sagte: Mögen sie dich nie finden. Zeige es keinem. Und dann sang die Melodie lauter in mir, nur für einen Moment. Und ich fühlte, wie das Licht durch mich floss. Er ging.
Der zweite hielt beim Sattler und ließ sich seine zerstörte Lederrüstung ausbessern, bevor er weiterritt. Er bemerkte nicht, dass ich ihn aus einer Ecke beobachtete, aber ich spürte, dass er Magie trug.

Der dritte, dem ich begegnete, wurde von meinem Sohn hergebracht. Er war schwer verletzt. Beinahe glaubte ich, dass ich ihm nicht helfen konnte. Seine Brandwunden schloss das Licht schnell, doch in ihm war etwas, das schwelte und da konnte mein Licht nicht dran. Als er wach war und mir gegenüber saß, verstand ich, warum. Er trug das Licht, aber es war zerfressen von Schatten.“ Sie griff nochmals nach ihrem Tuch und zupfte es zurecht. „Es ist nicht lange her. Wenige Monde. Er verließ mich, ohne dass ich ihm helfen konnte.“

„Wie sah er aus?“

„Groß, schlank, blonde Haare, zu einem Zopf gebunden. Leichte blonde Stoppeln in seinem Gesicht. Und durchdringende, blaue Augen.“ Sie schwieg einen Moment. „In ihnen tobte ein Sturm.“

„Mein Bruder.“ Warst du wirklich hier? Aber der Kessel der Alten hatte ihm das längst verraten.

„Er ist es, der dir folgt?“

„Ja.“

„Dann kann es nichts Gutes sein.“

„Nein.“ Nein, nicht für mich.

„Und du willst ihn trotzdem sehen.“

„Ja. Aber nicht hier. Nicht hier bei dir. Ich …“ Er suchte nach Worten. „Ich muss ihn sehen lassen. Es … Er hat den falschen Weg gewählt.“

„Aber du liebst ihn.“

„Wie keinen anderen auf der Welt.“

„Und was willst du tun?“

Iskael zögerte. Es gibt nur eins, was ich noch tun kann. Nur eins, wie ich dafür sorgen kann, dass er nicht vergisst.

„Schon gut. Du musst es mir nicht sagen. Aber manchmal hilft es, über den Schrecken zu reden, den man in sich trägt.“

„Ja, ich weiß.“ Er zog das Drevzaba hervor und drehte es in seiner Hand. „Mein Bruder, er hat seine Schwester verloren. Er hätte sie gar nicht kennen dürfen, aber aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne, wusste er wo sie war und hatte eine Bindung zu ihr. Er hat mir nie etwas davon gesagt. Niemandem. Bis zu dem Moment, wo er sie und ihre Kinder tot gefunden hat. Ermordet. Und er verlangt hat, dass er den Mörder bestrafen darf.“

„Ist das nicht sein gutes Recht? Handhaben es Männer nicht so?“

„Unter den Menschen? Ja, gewiss. Aber wir, wir haben keine Familie.“ Sie fragte nicht nach diesem wir. Und er sagte nichts weiter dazu. „Andrarg hätte sie nicht kenne dürfen. Aber vor allem darf er sich nicht in die Taten der Menschen einmischen. Und ermordet wurde seine Familie von einem Mensch.“

„Und dann hat er ihn bestraft, ohne dass er die Erlaubnis hatte?“, mutmaßte die Alte.

„Nein. Unsere Hohen haben den Mörder verborgen. Er wurde unter Aufsicht gestellt. Erst als wir alle sicher waren, dass er seinen Plan aufgegeben hat, durfte er wieder allein sein.“

Die Alte schnaubte. „Ihr habt ihm das geglaubt?“

„Ja.“ Ich wollte es glauben. So sehr.

„Scheint mir sehr dumm. Aber so sind eben viele. Denken nicht weiter, als ihr Arm lang ist. Was ist dann passiert?“

„Mein Bruder ist verschwunden. Vor vier Monden. Spurlos. Nicht auffindbar. Bis heute.“

„Du hast ihn gefunden. Und er war nicht mehr, was er war?“

„Kein Licht mehr“, stimmte Iskael zu. „Schatten. Er ist zum Schatten geworden.“

Die Alte wartete. Trank einen Schluck Tee. Wartete weiter.

„Ein Krasos. Mein Bruder ist ein Krasos. Ein Dämon. Ein Schattendämon. Ich weiß nicht, wie das möglich ist. Es sollte nicht möglich sein. Er war einer von uns. Ein goldener Schild gegen die Dunkelheit. Ich verstehe nicht …“

„Düstere Taten können Licht verdecken.“

„Aber auslöschen? In Schatten verwandeln?“

„Warum nicht? Ich sagte ja, das Licht war zerfressen. Es fehlte nicht viel, um es zu verdunkeln. Zu verstecken.“

„Aber es ist nicht weg, oder?“

„Wie soll ich das wissen? Ich habe deinen Bruder seitdem nicht mehr gesehen. Sag du es mir? Glaubst du, es ist weg?“

„Nein.“ Ich will es nicht glauben.

„Dann hast du deine Antwort. Die Frage ist nur, wie soll er es zurückbekommen?“

„Es gibt nur einen Weg.“

Ihr Blick bohrte sich in ihn hinein. Als könnte sie sehen, was er dachte. Aber sie wartete.

„Er wird nicht auf mich hören. Er wird mich töten wollen, denn nur so kann er sicher sein, dass ich nicht mit Verstärkung zurück komme. Er muss mich töten.“

„Dann solltest du laufen.“

Iskael schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde auf ihn warten. Aber nicht hier. Hier ist nicht der richtige Ort. Dort unten, in der Dunkelheit. In der Unterwelt. Da werde ich auf ihn warten. Wenn er durchtränkt ist von seiner Magie. Denn dann wird er es tun. Und das kann er nicht vergessen. Es ist kein Licht. Es ist keine Tat aus Liebe, die er tut. Und das kann der Schatten in ihm nicht verdunkeln.“

„Du willst, dass er dich nicht vergessen kann.“

„Ich will, dass die Tat ihn nicht vergessen lässt. Sondern an seinen Schatten nagt, bis er das Licht dahinter sieht. Ich will, dass er versteht. Dass er sucht. Ich will ihm keine Ruhe lassen. Ich will die Stimme in seinem Kopf sein, die er nicht ausblenden kann.“ Geist oder Wunde, Andrarg? Was auch immer es ist, ich will es für dich sein.

„Ist dir das dein Leben wert? Vielleicht gibt es einen anderen Weg.“

Wenn ich nach Tokofe zurückkehre, werden sie kommen und ihn jagen. Und alle zusammen werden ihn finden. Es wird ihm keine Möglichkeit bleiben, zu reden. Sie werden ihn töten. Ohne Fragen. Ohne Zögern. Er wird tot sein. „Nein, es ist der einzige Weg.“

Die Alte stand auf, kramte nach etwas. Dann kam sie zurück, in ihrer Hand ein schwarzes Tuch.

Iskael nahm es. Ein Leichentuch. Eines, dass die Salirier verwendeten. In Nidaren nutzte man weißes Leinen.

„Wie?“, stotterte er.

„Es fiel vor Jahren in meine Hände, doch ich wusste nicht, was ich damit sollte. Aber ich konnte es nicht weggeben. Vielleicht hat es all die Jahre hier auf dich gewartet.“

„Das würde bedeuten, dass es einen Grund gibt, für das alles. Dass jemand lenkt.“

„Glaubst du nicht, dass Esilia das tut? Dass hinter allem ein Plan steht?“

Oder eine Prophezeiung?

„Vielleicht“, setzte die Alte an, „ist es vorherbestimmt. Vielleicht wird dein Bruder dich wirklich töten. Aber vielleicht irrst du dich und er wird dir zuhören. Und das Tuch ist nur dazu da, dich an die Salirier zu erinnern und euch beide in das Zuhause deiner Ahnen zu bringen. Du trägst doch Salirierblut, oder?“

„Das tu ich. Aber ich kenne Andrarg. Er wird nicht abweichen von seinem Weg.“

„Und du liebst ihn zu sehr, um vor ihm zu fliehen.“

Er sah auf den Boden, drehte das Drevzaba in seiner Hand. „Ich liebe ihn. Und ich kann nicht gehen, ohne alles versucht zu haben.“ Er steckte das Holz wieder in seine Tasche. „Hast du Pergament und Feder? Ich brauche nur ein winziges Stück.“

Vergiss nicht.

***

Die Unterwelt war kalt. Ein Krasos stellte sich ihm in den Weg, aber überlebte das Vorhaben nicht.

Die Stimmen in seinem Kopf schwiegen. Er ging nicht weit. Dann setzte er sich und wartete.

Es würde nicht lange dauern, davon war er überzeugt.

Ein letztes Mal holte Iskael das Drevzaba hervor.
„Finareg war zornig“, erklärte Iskael laut. Sprach mit seinem Bruder, obwohl der noch gar nicht hier war. „Du hast Deron getötet. Aber schlimmer noch, du bist zu einem Monster geworden. Das kann dir kein Wächter verzeihen. Nur was bin dann ich? Ich fühle keinen Zorn.“ Er biss die Lippen aufeinander. Nur Angst, Bruder. Angst, ohne dich zu sein. Ich kann kein Wächter sein ohne dich. Ich kann gar nicht leben ohne dich. Die letzten Monde hat mich nur eines gehalten: Die Suche nach dir. Jetzt hab ich dich gefunden. Was hat Breanos gesagt: ich solle achtgeben, wie ich dich finde? Hat er etwas geahnt? Nein! Keiner wusste das. Er meinte wahrscheinlich was ganz anderes. Aber es nützt nichts. Du bist ein Helras.
Und ich? Ich liebe dich trotzdem. Du bist trotzdem mein Bruder.

Er weinte nicht. Es kam einfach nichts. Nach einer Weile kribbelte es in seinen Beinen. Aber er bewegte sich nicht. Lauschte nur, ob jemand kam.

Esilia. Ich weiß nicht, ob es in deinem Sinne ist, was ich tu. Aber ich muss es tun. Ich habe die Finsternis in seinen Augen gesehen. Ich weiß, dass meine Liebe ihn nicht erreichen kann. Aber vielleicht kann es mein Tod. Möge ihn die Tat, die er mit seiner eigenen Hand verübt, niemals ruhen lassen, bis er seinen Weg zurück gefunden hat.
Und dann hoffe ich, dass er mir verzeiht.
Damit wir in deiner Halle, Esilia, wieder vereint sind.

Iskael schloss die Augen. Als die Schritte kamen, wusste er, dass sein Bruder ihn gefunden hatte. Nur er sorgte dafür, dass sein Kopf still wurde. Sogar ohne Mauern.

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