Hilfe

Gemeinsam mit Findarel habt ihr seinen Vater aus der Scheune geschleppt. Jetzt führt Findarel euch durch das Dorf zu seinem Haus. Wenigstens hat der Regen nachgelassen.

Da sein Vater kaum in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen, stützt du ihn. Plötzlich spürst du etwas Warmes auf deiner Hand. Blut.

Du blickst dich um, bis du das Gesicht des Mannes siehst. Seine Nase blutet heftig.

„Nicht schon wieder!“ Verzweiflung wie auch Scham durchdringt Findarels Stimme.

Du lässt den Mann langsam zu Boden gleiten, stützt ihn aber.

„Ich hab kein Taschentuch“, gibt Findarel zu.

Du holst ein Taschentuch aus deiner Tasche.

Findarel nimmt das Tuch aus deiner Hand und hält es seinem Vater unter die Nase.

Du hast kein Taschentuch bei dir.

Du reißt ein Stück von deinem eigenen Hemd ab.

Findarel nimmt den Stoff aus deiner Hand und hält ihn seinem Vater unter die Nase.

Du reißt ein Stück vom Hemd des Vaters ab.

Findarel nimmt den Stoff und hält ihn seinem Vater unter die Nase.

„Seit er angefangen hat, sich fast jeden Morgen zu betrinken, blutet seine Nase immer öfter“, erklärt er so leise, dass du dich anstrengen musst, ihn zu hören.

„Schon lange?“

Findarel nickt. „Seit der Graf die Steuern erhöht hat. Wir konnten sie nicht zahlen. Sie haben uns eine Kuh genommen.“

„Hast du noch Geschwister?“

„Zwei jüngere Schwestern. Mutter denkt darüber nach, sie als Mägde wegzugeben.“ Findarel ballt die Faust.

Er sieht dich überrascht an. „Das weißt du nicht?“

„Ich komm nicht aus Grennland“, erklärst du ruhig.

„Das war vor einem halben Jahr. Gemeinsam mit der Verschärfung der Gesetze.“

Findarel schüttelt den Kopf.

„Es ist wohl irgendwas geschehen, aber es gibt nur Gerüchte. Sie sind seltsam. Der eine sagt, der Graf würde sich nur noch in seiner Kammer einschließen und wenn er rauskommt, gibt er neue Schreckensbefehle. Der andere sagt, es gibt immer mehr wilde Bestien im Land und der Graf braucht die Steuern für die Landwacht, damit sie die Bestien jagen können. Und dann gibt es welche, die sagen, der Bruder des Grafen sei tot und der Graf darüber verrückt geworden. Aber das ist alles nur Gerede.“

Es hat aufgehört zu bluten.

„Es ist nicht mehr weit. Nur noch da vorne um die Ecke.“ Findarel atmet tief ein und aus. „Mutter wird nicht begeistert sein“, murmelt er.

„Na komm, ich bring euch beide hin“, entgegnest du.

Gemeinsam schafft ihr den Rest des Weges und legt den Vater in die ziemlich ärmliche Hütte.

„Findarel? Wer ist das?“ Die Stimme einer Frau lässt den Jungen zusammen zucken.

„Das ist der Reisende. Er hat mir geholfen, Vater heimzubringen.“

Die Mutter guckt erst ihn an, dann dich. „Wir reden später darüber. Geh einen Eimer Wasser holen.“

Findarel verschwindet durch die Tür.

„Danke für die Hilfe. Es tut mir leid, dass mein Junge Euch belästigt hat.“

„Hat er nicht. Ich habe ihm meine Hilfe angeboten, er hat nicht gefragt.“ Du lächelst.

Sie errötet leicht und schaut kurz weg.

„Es war nicht immer so. Aber ich will euch nicht länger aufhalten. Ich habe nichts, was ich Euch geben kann zum Dank.“

„Vielleicht könnt Ihr mir sagen, was es mit den Räubern in dieser Gegend auf sich hat?“

Sie zögert. „Ich würde Euch raten, nicht von Räubern zu sprechen. Es sind keine einfachen Wegelagerer. Aber nein, ich kann Euch nichts sagen. Und Ihr solltet Euch von der Landwacht fernhalten.“

„Danke.“

„Los, Grünling. Ein bisschen Eile tut not.“

Elanja lotst dich in zügigem Schritt durch den Regen, der immer noch nicht nachgelassen hat. Sie bringt dich an den Rand des Dorfes zu einer Hütte, die kaum diesen Namen verdient. Verschlag wäre treffender.

Innen ist es dunkel und kühl. Auf einem Lager aus rauen Decken liegt eine junge Frau. Blass und zitternd. Daneben sitzt ein Mädchen.

„Lauf nach Hause“, weist Elanja sie beinahe schroff an. Das Mädchen nickt und verschwindet.

Die Kräuterfrau hockt sich auf den Boden neben die kranke Frau. Dann zieht sie einige Kräuter aus ihrer Tasche und zerreibt sie.

„Es ist kein Holz mehr klein“, bemerkt Elanja, den Blick weiter auf ihre Patientin gerichtet.

Dort findest du Axt und Holz und schlägst einige Scheite.

Dann betrittst du die Hütte erneut und bringst ein Feuer in Gang.

Elanja murmelt vor sich hin, dann summt sie. Doch die Frau zittert immer noch.

Du hockst dich neben die Kräuterfrau.

„Lungenfieber. Sie hatte nicht genug zu essen. Keine Kraft sich zu widersetzen.“

„Warum hast du mich geholt?“

„Einer musste Holz hacken. Die Männer im Dorf haben keine Zeit.“

Du lächelst. „Du hättest das auch gekonnt.“

„Wer weiß. Ich bin für anderes wichtiger. Kyra konnte nicht lange bleiben, also brauchte ich jemand anders hier. Da bist du mir in den Sinn gekommen.“ Sie blickt wieder auf ihre Patientin.

„Für Wärme haben wir gesorgt. Einen Umschlag habe ich vorhin schon gemacht, er hilft nicht. Nein, du kannst nichts tun. Außer beten.“

Du überlegst noch, ob du dich an Esilia wendest oder an Nereson, als dir der Lichtspruch einfällt, den du erhalten hast.

Wenn der letzte Funke zu erlischen droht,
die Kälte in dein Herz kriecht,
die Würmer aus der Erde kriechen,
dann breche den Bann.

Esilia, Licht und Weisheit, Schild und Schutz,
Hüterin der Gerechtigkeit,
lass das Feuer brennen.

Elanja sieht dich überrascht an. Auf ihren Armen zeichnet sich eine Gänsehaut ab. „Ich weiß nicht, woher du das kennst, aber sieh nur.“ Sie weist auf die junge Frau, die aufhört zu zittern.

„Ich habe eine Nachricht erhalten“, murmelst du, aber so ganz weißt du nicht, was du davon halten sollst. Es war nur eine Idee gewesen, aber im Raum riecht es auf einmal nach Bienenwachs, obwohl ihr keine Kerzen angezündet habt. Und so ein leichter Geruch, wie er manchmal in Esilias Tempeln in der Luft liegt.

„Hol mir den Becher dort“, bittet Elanja dich.

„Jetzt haben wir etwas Zeit. Also möchte ich dir eine Geschichte erzählen.“

„Hm?“

„Hör einfach zu. Ich denke, es wird dir helfen.

Es gab hier in der Gegend einen Jungen. Er liebte den Wald. Sein Vater nannte ihn oft Nichtsnutz, weil er jeden Tag zwischen den Bäumen verschwand und Stunden später wieder kam. Seine Mutter nannte ihn Träumling, weil sein Blick stets in die Ferne gerichtet war. Dennoch war er brav und folgsam und tat, was immer er konnte, um seine Aufgaben zu erfüllen.

Es war nicht immer einfach mit ihm, aber seine Eltern liebten ihn.

Dann kam die Landwacht. Sie nahmen viele junge Männer mit sich und brachten sie zu einem der Rittergüter in der Nähe. Kriegsvorbereitungen, wir haben es alle schon so oft erlebt.

Aber darunter befand sich auch dieser Junge.

Drei Monde lang war er verschwunden.

Dann brachten sie ihn zurück.

Der taugt nichts, sagten sie.

Er war lahm, sein Blick leer.“

Du willst etwas sagen, aber Elanja hebt die Hand.

„Warte noch.

Ein Jahr lang bin ich mit ihm jeden Tag in den Wald gegangen. Anfangs trug ich ihn.

Nach drei Monden hat er wieder angefangen zu sprechen.

Nach sechs Monden hat er seinen Eltern wieder geholfen. Humpelnd noch, aber er tat es.

Nach einem Jahr verschwand er.“ Sie zieht einen Tannenzapfen aus ihrer Tasche.

„Der hier lag in meiner Hütte. Ich habe ihn oft in seinen Händen gesehen.“

Elanja seufzt. „Nun, er verschwand, das sagte ich doch. Sieh nur, ihr Atem ist ganz ruhig geworden. Ich brauche dich nicht mehr, Grünling. Geh.“

Sie lächelt. „Wir werden uns wiedersehen.“

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