Andrargs Schriften Teil 1 Kapitel 1

Kapitel 1 – Der Meister der Schatten


Düsteres Grauen, düsteres Land.
Welch größere Quelle der Finsternis gibt es
neben dem menschlichen Herz?
Finyard, König von Nidaren, 1246


Grafschaft Erirfort, neunter Mond 1302


Sie hatten mich gefunden. Fünf Krasos standen in der Abenddämmerung um mich herum, kreisten mich ein – ruhig und siegesgewiss. Einer trat einen Schritt nach vorn, ein anderer lächelte, aber nicht boshaft, sondern beinahe gelangweilt. Keiner blickte sich um. Umso größer war ihre Verwunderung, als ich meinen Schild zündete und das
Licht ihnen für einen Augenblick die Sehkraft raubte. Es waren fünf Männer in schwarzem Leder, das nach Art der Krasos-Magie unterschiedlich schimmerte. Der jüngste stand mir am nächsten, eindeutig ein Feuerdämon. Seine lederne Kampfkleidung war in grünliche Flammen getaucht. Sie bestand aus einer eng anliegenden Hose und einer Weste. Seine Arme waren nackt und mit schwarzen Linien übersät, die sich zu Mustern fügten, die ich nicht verstand. Wären Kleidung und Glyphen nicht gewesen, hätte er ein heranwachsender Mann sein können. Von seinen Muskeln her vielleicht ein Schmied. Doch im Lichte meines Schildes konnte ich seine Augen sehen, die jedem Verdacht, er könne ein Mensch sein, widersprachen. In ihnen loderte sein grünes Feuer. Die Flammenfarbe war so ungewöhnlich, dass ich zweimal hinsah. Noch nie hatte ich grünes Dämonenfeuer gesehen. Aber auch nach sechs Jahren Wächterdasein lernte man immer wieder dazu. Außer ihm hatten mich zwei weitere Feuerdämonen, ein
Winddämon und ein Schattendämon eingekreist. Ob sie auch ungewöhnliche Zeichen trugen, konnte ich nicht mehr wahrnehmen. Sie hatten sich vom plötzlichen Lichtschein
erholt und griffen mich an. Ich riss meine Klinge nach oben und parierte. Triumph bebte durch mich hindurch und verlieh mir Kraft. Ein Schattendämon war unter ihnen. Ein Schritt in Richtung meines Ziels.


Ich ließ mich auf den Boden fallen und trat zwei von ihnen in einer Kreisbewegung die Beine weg. Ich schrie nicht auf, als ein Feuerball mich am Rücken traf, sondern sprang mit einem Rückwärtssalto auf den Feuerdämon hinter mir zu. Drehte mich um und durchstieß sein Herz mit meinem Dolch. Seine orangen Flammen erloschen und ein Häuflein Asche sammelte sich auf dem Boden. Ein Windstoß fegte mich von meinen Füßen und einen Meter nach hinten, ein Krasos setzte nach und versenkte beinahe sein Schwert in mich, aber mein Schild hielt es im letzten Moment ab. Kein Splittern und Krachen wie bei einem Holzschild, sondern ein Versumpfen der Schlagkraft in meiner Magie. Der Krasos hatte Mühe, seinen Arm zurückzuziehen. Für Außenstehende musste dieser Kampf blitzschnell aussehen, aber vor meinen Augen lief alles wie in Zeitlupe
ab. Ich rollte mich im Schutz meines Schildes dem Winddämon entgegen und ignorierte den Schlag eines anderen Krasos. Blut rann meine linke Schulter hinab. Genau vor dem Winddämon richtete ich mich auf und stieß auch ihm meinen Dolch ins Herz. Das schwarze Metall schien vor Freude zu singen. Der Krasos löste sich auf. Die verbliebenen drei lieferten mir einen besseren Kampf. Schatten hüllten mich ein, raubten mir das Licht. Aber ich war ein Wächter. Das Knistern eines Feuerballs
verriet mir die Richtung und ich duckte mich. Er sauste über meinen Kopf hinweg, aber versengte mich nicht. Ich wandte mich dem Schatten zu. Immer wieder stieß mein
Dolch ins Leere. Er war zu flüchtig. Also konzentrierte ich mich auf die zwei Feuerdämonen, deren grüne und rote Flammen um sie herumwirbelten. Entfesselt schlug ich
in raschen Links-rechts-Kombinationen auf den Grünleuchtenden ein, während mein Schild mich von hinten schützte. Lichtmagie, gelenkt von meinem Willen.
Ein kräftiger Schlag traf mich in die Magengrube. Ich schnappte nach Luft. Doch es brachte mich nicht aus dem Rhythmus. Ich war Wächter. Kämpfer. Krieger. Ich ignorierte
meine Schmerzen und focht weiter. Der zweite Feuerdämon stieß einen Schrei aus, als mein Dolch ihn ins linke Bein traf. Er hatte nicht damit gerechnet, weil ich
immer noch versuchte, den anderen Feuerdämon abzuwehren. Ich verstärkte das Licht meines Schildes, bis es die Schatten abwehrte und zerstreute. Doch einen Schattendämon
besiegt man so nicht. Er fiel etwas zurück und ich erkaufte mir so Zeit. Genau so viel, um dem schon verwundeten Krasos den Dolch ins Herz zu stoßen.

Bis der letzte Feuerdämon fiel, dauerte es nur wenige Sekunden, dann waren rote und grüne Flammen endgültig erloschen. Der Schattendämon und ich standen uns allein gegenüber. Endlich. Ich war meinem Ziel noch ein Stück näher gekommen. Jetzt nur keinen Fehler machen. Wir fochten eine Zeit lang schweigend, doch ich spürte, dass meine
Kraft mich verließ. Die Wunde an meiner Schulter blutete immer noch. Jetzt hatte ich nur noch eine Chance, den Kampf zu dem Ende zu bringen, das ich anvisierte. Noch
einmal alle Kraft sammelnd, ließ ich meinen Schild verschwinden und verwirrte so den Schatten. Blitzschnell sprang ich gegen ihn, erwischte ihn diesmal in seiner festen Gestalt und schlug ihn zu Boden. Dann hielt ich den Dolch gegen seinen Hals.

»Was willst du, Davos?«, knurrte er. »Worauf wartest
du noch?«
»Bring mich zu deinem Meister«, befahl ich. Das, nur das, war der Sinn des Kampfes gewesen. Die Erregung des Gefechtes verflog, in mir wurde es ruhig, aber mein Körper blieb angespannt. Er musste mitspielen.
»Nie und nimmer«, lautete seine Antwort. Er sammelte seine Schatten und versuchte sich in ihnen aufzulösen. Ich schlug ihm mit der Faust gegen die Stirn, was sein
Ansinnen unterbrach.
»Bring mich zu deinem Meister«, wiederholte ich sogleich grimmig.
»Warum?«, verlangte er zu wissen.
»Das geht dich nichts an! Doch keine Sorge, ich will ihm nichts tun.«
Er lachte höhnisch. »Ein Wächter, ein Davos …« Er spuckte bei dem dämonischen Wort für Wächter aus. »… will einem Krasos nichts tun?«
»Glaub mir oder lass es«, fauchte ich. »Willst du nun am Leben bleiben oder nicht?«
Ich stand auf und befreite ihn damit. Wenn er jetzt verschwände, müsste ich mir erneut einen Schattendämon suchen. Alles wäre umsonst. Ich atmete langsam und gezwungen durch die Nase. Er würde es tun. Ich atmete noch einmal. Es war der richtige Moment, der richtige Helras. Noch ein Atemzug. Er stand auf, aber blieb in seiner Gestalt. Mürrisch blickte er mich an und nickte. Ich folgte ihm zufrieden. Mein Körper schmerzte, die Anstrengung war in jedem Glied spürbar. Aber ich war ein Wächter. Ich war Schlimmeres gewohnt. Ich strich mir die dunkelblonden, langen Haare aus dem Gesicht und band sie zusammen.


Erinnerungen kämpften sich an die Oberfläche, Bilder von den allerersten Kämpfen als Tiro. Natürlich hatte ich schon vor der Weihe gekämpft, aber es war anders gewesen.
Nach der Zeremonie erfüllte mich die Macht der Göttin. Mein Schild erstarkte und meine Brüder und ich fühlten uns so sicher, dass wir glaubten, über jeden Krasos
siegen zu können. Der erste Kampf gegen Dämonen erwies sich als spielend leicht zu gewinnen. Der zweite Kampf jedoch ließ mich ernüchtert zurück. Drei Wächter gegen drei Dämonen. Zwei Wächter tot. Nur ich, als einziger Überlebender, hatte die Unterwelt wieder verlassen. Ich kroch zu Breanos zurück. Berichtete stotternd und mit schwerem Atem – verursacht durch die Wunde an meiner rechten Brust. Ich spuckte Blut. Immer wieder.
»Ich hole jemanden, der dich heilt«, unterbrach er mich. »Nein«, wehrte ich ab. Wütend, entsetzt, aufgebracht. »Ich habe Fragen.«
»Immer hast du Fragen! Du stirbst, wenn ich keine Hilfe hole.«
In dem Augenblick klopfte es an der Tür und einer der jüngeren Novizen trat ein. »Hol Iskael«, herrschte Breanos ihn an.
Wenn ich nicht so wutschäumend gewesen wäre, hätte mein alter Ausbilder mir leidgetan. Er sorgte sich lediglich um mich. Sachte setzte er sich zu mir ans Bett.
»Also, was für Fragen?«
»Warum sind sie so viel stärker als wir? Was machen wir falsch?«
Breanos legte eine Hand auf meine Schulter. »Ruhig atmen, Andrarg!« Er zögerte. Überlegte, was er sagen konnte.
»Sie sind nicht stärker«, fuhr er fort. »Du glaubst das, weil sie mehr Kraft haben, nicht schlafen müssen, schneller heilen. Aber sie haben einen Teil ihrer Seele dafür aufgegeben. «
»Und haben wir etwa nichts aufgegeben? Unsere Familie, die Liebe zu einer Frau, jegliche körperliche Beziehung. «
Jeder Atemzug tat mir weh und doch stieß ich die Worte hervor, voller Bitterkeit und Groll. Ich bekam einen Hustenanfall und spuckte weiter Blut aus.
»Bitte, sprich nicht weiter«, flehte Breanos.


Mühsam vertrieb ich die Erinnerungen wieder. Sie halfen mir nicht, mich zu konzentrieren. Ich knirschte mit den Zähnen und holte tief Luft. Ich durfte die Kontrolle über die Situation nicht verlieren. Wir stapften schweigend durch die Nacht, die während des Kampfes hereingebrochen war. Ich beobachtete die Glyphen, die sich schwarz auf seiner Haut schlängelten. Hätte er sich in seine Schatten gehüllt, hätte ich nichts mehr von ihm sehen können. Ein Helras, ein Schattendämon, ist ein wahrer Künstler im Verschwinden. Er kann sich einfach auflösen, doch dieser hier blieb in seiner festen Gestalt.
Wege in die Unterwelt gibt es zahlreiche und obwohl die Menschen sie nicht sehen können, fangen sie genau vor ihrer Nase an. Doch nur mit Magie kann man sie finden und durchqueren. Ich war einige Male in der Unterwelt gewesen, um Krasos zu jagen oder auszuspionieren. Es war eine vollkommen andere Welt, die sich ganz anders anfühlte, als unter Menschen zu sein. Nicht nur, weil alles anders aussah, sondern weil die Unterwelt anders lebendig war. Ich konnte das Gefühl nicht besser greifen. Es war wie eine Saite, die in mir klang, aber deren Ton ich nicht hören konnte, nur fühlen. Bisher hatten mich meine Aufträge als Wächter hierhergeführt. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich aus vollkommen anderen Gründen die Unterwelt betreten würde. Doch hier stand ich und folgte dem Helras, als die Erde sich öffnete und uns verschluckte. Er brachte mich durch die Finsternis zu seinem Meister und ich verzichtete auf meinen Schild. Für den Weg, den ich beschritt, brauchte und wollte ich kein Licht. Es war ein Weg der Düsternis.
Der Schatten vor mir drehte sich ruckartig zu mir um, als ich, in Gedanken versunken, nicht schnell genug hinter ihm hereilte. Ein dumpfes, dämonisches Grollen erklang
aus seiner Kehle und jagte mir einen Kälteschauer über die Haut. Ich holte tief Luft und beeilte mich. Der Weg durch die Dunkelheit schien endlos. Jedes
Stück, das wir zurücklegten, verstärkte die Anspannung. Die Unterwelt zog an mir vorbei, düster und steinig. Aus der Finsternis tauchte eine Höhle vor uns auf. Der
Schattendämon blieb stehen, drehte sich nochmals zu mir um und ging dann hinein. Das war es. Das Ziel. Würde ich finden, was ich suchte?
Erhalten, was ich um jeden Preis brauchte? Die Höhle war größer, als ich es von außen erwartet hatte. Ein wahres Höhlenlabyrinth. Kein Palast für den Meister
der Schattendämonen, sondern verworrene Finsternis. Etwas, in dem sich wahrlich nur ein Schatten wohlfühlen konnte. Aber ob sich Krasos wirklich jemals wohlfühlten?
Ich muss zugeben, dass ich mir darüber nie Gedanken gemacht hatte. Sie waren einfach das Böse. Und Wächter schützten die Menschen vor ihnen, so glaubte ich tief im
Inneren, sogar jetzt.

Ein Kribbeln unter meiner Haut, eine Lichtwelle, flüsterte von der Anwesenheit von weiteren Helras, obwohl sie nicht sichtbar waren. Sie lauerten um uns herum und beobachteten uns, bereit, mich zu töten. Der einzige Grund, warum sie es nicht taten, war der Schatten, der mich führte. Selbst wenn ich es vorgehabt hätte, ich hätte den Meister niemals lebend erreicht, um ihn zu vernichten. Als ob ein Dämonenmeister sich so mühelos vernichten ließe. Schon gar kein Helras und erst recht nicht von
einem einzelnen Wächter. Wir eilten durch die verschlungenen Wege. Wasser tropfte von der Höhlendecke. Mehrfach stieß ich mit meinen Füßen gegen kleines Geröll auf dem Boden, stolperte ein- oder zweimal über spitz aufragende Auswüchse des finsteren Höhlenskeletts.
Der Schattendämonenmeister saß auf einem Thron aus nachtschwarzem Felsen in der gewaltigen Höhle. Er war in einen schwarzen Mantel gehüllt, der ihn fast vollständig
verdeckte. Lediglich seine lichtlosen Augen konnte ich sehen, düstere Abgründe, die sich selbst von der hier herrschenden Finsternis noch absetzten. Von ihm strahlte eine Eiseskälte und eine Aura der Macht aus, die jede Faser in mir vibrieren ließ. Der Thron schien mit ihm verbunden, glatt und mächtig. Was für ein Werkzeug hatte ihn geformt? Und wer hatte es getan? Krasos bestimmt nicht. Wer von ihnen hätte schon die Kreativität, die ganze Höhle um diesen Thron herum zu bauen? Denn genau so wirkte es. Er war das Herzstück, das Zentrum der Macht, und auf ihm saß der, der alle Schatten Nidarens kontrollierte. Kein Licht traute sich in die Finsternis der Schattenhöhle hinein. Aber ich war ein Wächter. Ich konnte mehr sehen als einfache Menschen. Die Luft war dick durch die Schatten der Helras, und mein Kopf pochte schmerzhaft. Das Atmen fiel mir schwer. Vor dem Thron kniete mein Führer nieder. Ich tat es ihm gleich, wenn auch unfreiwillig. Mehrere Schatten durchfuhren mich und stießen mich zu Boden. Dem Meister zollte man Respekt. Der Schattendämon, der mich hergeführt hatte, begann unverständlich zu zischen, und es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass er in der Sprache der Krasos redete. Ich erkannte das Wort Davos. Immer wieder gestikulierte er zu mir. Es hallte schauderhaft, und allein der Klang peinigte mich wie hundert Nadelstiche. Doch es war nichts. Nichts verglichen mit dem, was ich in mir trug. Dem Grund, warum ich nun hier stand. So ließ ich alles über mich hinwegrollen.

Dann adressierte mich der Meister auf Nidarenisch.
»Was ist dein Begehr, Davos?«
»Macht mich zu einem von euch!«, verlangte ich. Stille herrschte plötzlich im Raum, die Luft erstarrte.
»Ein Wächter, der zu einem Dämon werden will?«, hakte der Meister nach, und der Unglaube schallte durch seine Worte.
»So ist es«, erwiderte ich schlicht und wartete.
»Warum?«, forderte er zu wissen.
Ich schwieg.
»Antworte, wenn ich mit dir spreche!«, donnerte er daraufhin.
Es war wie ein Unwetter. Donner und Blitze inmitten eines freien Feldes, wo man hilflos der Natur ausgeliefert ist. Doch was ich in seiner Stimme hörte, konnte ich in seinem Gesicht nicht entdecken. Es blieb blank, die Augen leere, enigmatische Abgründe. Ich schwieg weiter. Ich hatte meine Gründe, und entweder er akzeptierte es oder eben nicht. Wenn nicht, würde ich sterben, doch der Tod machte mir in diesem Moment keine Angst mehr. Ich hatte mich längst entschieden. Der Meister stand auf und schlich um mich herum. Ich zuckte nicht, als mich seine Pranke berührte, die langen Finger sich kraftvoll um meinen Hals schlossen. Die Kälte, die von ihnen ausging, ließ mich innerlich erschaudern.
»Meine Dämonen schulden mir Gehorsam«, säuselte er beinahe sanft. »Wenn du einer von ihnen werden willst, musst du mir deine Gründe nennen.«
Und immer noch schwieg ich.
»Selbst wenn du es mir jetzt nicht sagen willst, spätestens wenn du einer von uns bist, wirst du es mir sagen.«
Ich schwieg und wartete.
Das Einzige, was nicht ruhig war, war mein Herz. Es hämmerte so schnell und laut, als wolle es mich anschreien, wie ich so verrückt sein konnte, hier starr auf dem Boden
zu knien. Doch ich bewegte mich keinen Millimeter. Plötzlich ließ mich die gruselige Hand los. Der Meister
kehrte zu seinem Thron zurück.

»Tötet ihn«, befahl er und starrte mich an, als warte er auf eine Reaktion. Doch ich zuckte auch jetzt noch nicht. Kurz bevor mich die Helras erreichten, schrie er: »Halt!«
Die Dämonen kehrten auf ihre Plätze zurück.
Der Meister beugte sich vor. »Ich kann dich nicht zum Schatten machen, Davos. Dein Blut ist vergiftet vom Licht. Damals hätte ich es gekonnt, bevor sie dich holten. Deine
Magie singt, ich kann sie hören. Du trägst die Schatten bereits in dir. Doch das Licht hält sie fern.« Seine Stimme war zu einem heiseren Flüstern geworden. »Du musst es selbst
tun. Vernichte das Licht! Hol die Schatten hervor, und dann werde ich dich ausbilden. Ich selbst, und du wirst der erste Davos sein, der zum Krasos wurde. Und nun geh!«

Ich stand auf. Meine Beine waren so schwer wie die Steine der Unterwelt. Jetzt zu gehen, gehörte nicht zu meinem Plan. Ich war hierhergekommen, um verwandelt oder getötet zu werden. Doch ich hatte keine Wahl, denn mein Führer und ein weiterer Schatten, der sich materialisierte, packten mich und schleiften mich hinaus. Ich hätte kämpfen können. Ich wäre getötet worden. Dann wäre alles vorüber. Aber jetzt, in diesem Moment, wo ich wusste, dass es eine Möglichkeit gab, rang ich mich
dazu nicht mehr durch. Kurz bevor wir den Thronraum verließen, rief der hohe Dämon mir hinterher: »Du musst das Licht in dir töten, Davos! Du weißt, wie man Licht vernichtet!«

Wenig später war ich draußen und allein in der Unterwelt. Ich stolperte vorwärts durch die Dunkelheit. Die Gedanken rasten in mir, ebenso wie mein Blut. Immer wieder sah ich den Schattendämonenmeister vor mir, sein undurchdringliches Gesicht. Wenn er mir nur einen Anhalt gegeben hätte. Doch hatte ich wirklich geglaubt, dass es so einfach wäre? Dass ich dreist vor ihn treten könne und er mir einen Gefallen täte? Warum hätte er das tun sollen? So viele Stunden hatte ich überlegt, einen Plan geformt, ihn wieder und wieder in meinem Kopf durchgespielt und dabei beinahe außer Acht gelassen, was der Schattendämon von meinem Ansinnen halten würde. Ja, ich hatte damit gerechnet, dass ich sterben könnte. Es als wahrscheinlich eingestuft. Einzig und allein darauf gehofft, dass Krasos immer Verstärkung in ihren Reihen wollten. Aber dass der Dämon meinen Wunsch nicht erfüllen konnte? Nie wäre mir das in den Sinn gekommen. Meine Gedanken wurden langsamer, als meine Kraft schwand. Meine Magie zeigte mir den Ausgang, und mit allem, was ich noch an Energie aufbringen konnte, kletterte ich in die Menschenwelt zurück. Meine Wunde, die ich in dem Kampf gegen die Krasos
erlitten hatte, meldete sich zu Wort, forderte ihren Tribut, sowie die Verbrennungen. Ich war Kämpfer durch und durch, doch gegen fünf Krasos zu kämpfen und nicht nur
zu siegen, sondern auch noch einen von ihnen am Leben zu lassen, war keine simple Übung. Und nie hätte ich erwartet, dass auch die bloße Unterredung mit dem Meister
der Schatten mich schwächte. Aber ich war ein Wächter. Noch. Also biss ich die Zähne zusammen und schleppte mich noch ein langes Stück weiter, bis ich schließlich zusammenbrach.

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