Beormeres Entstehung – Wenn eine Grimdark Welt erwacht

„Guten Abend, Aethel.“

„Eva, setz dich, du siehst müde aus. Hier, ein Ale?“

„Nein. Einen Stirnheimer Whiskey bitte. Nur gut, dass ich hier in Beormere trinken kann, was ich möchte, ohne dass es meinen Körper in meiner eigenen Welt beeinflusst.“

Aethel lacht. „Ja, die Kinder. Hoffentlich reißen sie dich nicht in wenigen Sekunden wieder raus.“

„Und wenn. Immerhin bin ich in der glücklichen Lage, Kinder zu haben, nicht in Armut zu leben, nicht im Krieg zu sein. Geht ja nicht jedem so.“

Aethel seufzt, aber der Würfel an ihrem Ohr hüpft lustig hin und her. Das macht es weniger schwer. Sie verschwindet kurz hinter die Theke und kommt dann mit einem etwas sehr vollen Glas zurück.

Aethels Taverne von außen
Aethels Taverne, Generiert mit Open AI 2025

„Hier, aufs Haus. Aber dafür möchte ich gerne etwas wissen.“

„Was denn?“

„Ich weiß, dass du schreibst, dass du unsere Welt hier geschrieben hast – auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie ich lebendig sein kann und trotzdem mit dir rede. Aber wieso hast du Beormere geschrieben? Und was machst du damit, dass es lebt?“

„Vielleicht bin ich bloß eine Hexe.“

Sie schmunzelt, schüttelt aber den Kopf. Plötzlich stapfen mehrere Stiefelträger zu uns herüber. Nerex und Breanos entdecke ich unter ihnen, einige Wächter, deren Namen ich nicht kenne, andere, die mir sehr vertraut sind. Drei Krasos, mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen.

„Wollt ihr das wirklich hören? Ich weiß nicht, ob die Geschichte sonderlich spannend ist.“

Ihre Blicke bohren sich in mich hinein. Ich trinke einen Schluck.

„Wenn ihr wirklich wollt.

Es gibt da so ein Spiel, für euch völlig unbedeutend – es heißt World of Warcraft und man spielt es, ach ganz egal. Es ist nicht mit Würfeln oder Karten, sondern ein Rollenspiel, in dem man einen bestimmten Charakter spielt, der etwas kann.“

Schwarze Würfel, die von innen heraus grün leuchten auf einem Holztisch
Nerex Würfel, generiert mit Open AI 2025

„Als würde ein Mensch so tun, als wäre er ein Krasos?“, wirft Nerex ein.

„Jaein, nicht so ganz. Es gibt Klassen und Rassen und, ach das führt wirklich zu weit. Also, ich hab da in dem Spiel einen Hexenmeister gespielt und der konnte Schattenbälle werfen. Um fiese Gegner zu töten.“

„Also doch wie ein Krasos“, brummt Nerex, aber so leise, dass ich einfach weiterrede.

„Und dieses Spiel habe ich mit einem Freund gemeinsam gespielt, der sehr sehr weit weg wohnt.“

Wieder werde ich unterbrochen, diesmal von Aethel: „Wie kannst du mit jemandem spielen, der weit weg ist. Hat er dich besucht?“

„Nein, das geht über sogenannte Computer. Wirklich, es ist nicht wichtig für die Geschichte, wie wir gespielt haben, nur dass wir es getan haben! Und was in meinen Gedanken daraufhin passiert ist. Nämlich das hier: Ich war sehr traurig, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbringen konnten, uns nicht mehr sehen konnten und da habe ich mir eine Welt vorgestellt, in der wir gemeinsam Dämonen jagen.“

„Krasos“, ruft Nerex und springt dabei auf, dass der Tisch wackelt und Breanos Rotwein umkippt.

„Krasos“, stimmte ich zu. „Das war die erste Begegnung von mir mit einem Krasos. Und dann habe ich mir immer mehr überlegt, oder soll ich sagen, ich bin euch näher gekommen? Ich wusste plötzlich, dass es Schattendämonen und Feuerdämonen und Gedankenverwirrer gab. Das waren die ersten. Wasser- und Winddämonen haben sich da noch sehr bedeckt gehalten. Ich bin euch jagen gegangen, denn ihr wolltet Furchtbares: Zurück in die Menschenwelt. Macht. Und auch wenn ich noch nicht ganz verstanden habe, warum Krasos das wollen, durfte ich das nicht zulassen.“

„Richtig so.“ Breanos Stimme fuhr durch den Raum ohne wirklich laut zu sein. „Also warst du in deinen Gedanken ein Wächter.“

„Nein, ich war selbst Krasos. Halb, um genau zu sein.“ Ich hebe die Hand, um das aufkommende Gemurmel zu ersticken. „Ihr wollt wissen, wie es dazu kam, das Beormere lebendig wurde, also lasst mich weiterreden, bitte.

Ich habe eine Geschichte angefangen zu schreiben, die genau darum ging, aber ich bin nicht weit gekommen. Es war zu früh und ich hatte noch nicht genügend Erfahrungen im Leben gesammelt, um wirklich Beormere schreiben zu können. Also habe ich die Geschichte in eine Schublade gepackt, wo sie gewartet, gelauert hat.

Jahre später, als ich deutlich weiter war und Dinge in meinem Beruf erlebt habe, die ich bis heute eigentlich nicht gesehen haben möchte, weil sie mir einfach zu nahe gehen, da konnte ich plötzlich schreiben.

Tja und wenn mich in zehn Jahren jemand fragt, werde ich an dieser Stelle sagen:

Ich bin einfach in Aethels Taverne gegangen. Und da war jemand – ich möchte heute nicht verraten wer und warum – die mir einen dicken Stapel Pergament gegeben hat, eine Geschichte, die nicht verloren gehen darf.

Habe ich Beormere geschrieben? Oder habe ich Beormere gefunden?

Die Tür, die Straße, war immer in meinem Herzen, Beormere immer schon schlummernd in meinem Kopf. Aber von Anfang an war es eine lebendige Welt.

Eingang zur Unterwelt mit Spielkarten und Feuerball
Eingang zur Unterwelt. Generiert mit Open AI 2025

Wer weiß schon, was real ist und was nicht. Das Gehirn unterscheidet nicht, ob wir etwas erleben oder nur im Kopf erleben.

So ist es mit Beormere: Ist es nur in meinem Kopf, oder lebt dieser Ort wirklich?

Ich wusste nicht, wie Erirfort aussieht, also bin ich dorthin gereist, bin mit dem kleinen singenden Jungen, Darnjas Sohn, durch die Hallen und Flure gelaufen, um jeden Winkel zu erkunden. Habe Josha getroffen und Andrarg. Habe mit ihnen gesprochen.

Und dann kam endlich dieses Jahr der Moment, an dem ich Andrargs Schriften in meine Welt bringen durfte.

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht genau, wie ich Erirfort betreten habe, oder den Tempel in Tokofe.
Jetzt ist deine Taverne, Aethel, und du natürlich, nicht mehr wegzudenken. Bist du in meinem Kopf entstanden, oder bin ich dir begegnet?

Sitze ich wirklich gerade hier und rede mit euch? Oder schreibe ich nur Buchstaben in die Tasten?

Für mich ist deine Taverne real, für mich brennt der Whiskey gerade in meinem Hals, obwohl er eben noch so weich auf meiner Zunge gelegen hat.

Für mich bist du, Nerex, eines der realsten Wesen, das ich kenne.
Deswegen lebt ihr. Weil ich euch sehen kann, mit euch reden kann, euch fühlen kann.

Jeden Tag entdecke ich mehr. Spreche mit dir, Aethel, über die Rezepte auf deiner Speisekarte. Begleite dich, Breanos, in den Tempel, zu dem ihr Wächter mir zutritt gewährt habt – warum weiß ich nicht so genau. Würfel mit dir Nerex und singe mit dir. Gebe deinen Liedern in meiner Welt eine Stimme.

Ich baue nicht, ich halte fest, was ich erlebe, damit andere auch hierherkommen können.“

Sie sind still. Die Lebewesen um mich herum. Warten.

„Jetzt wisst ihr, wie Beormere entstanden ist – jenseits eurer eigenen Weltgeschichte. Aber diese Taverne hier, für die wünsche ich mir noch mehr. Ich hoffe, dass andere den Weg hierher finden, die sich über Welten austauschen, über Phantasie, über die Kunst, Orte zum Leben zu erwecken. Oder sie einfach finden.

Ich wünsche mir, dass die Grenzen erst fließen und dann verschwinden, die Grenzen zwischen meiner Welt und Beormere. Damit wir hier nicht nur gemeinsam über euch reden können, mit euch spielen und trinken können, sondern auch über Grimdark reden, über düstere Phantastik. Darüber, was sie bedeutet und wie sie uns helfen kann.“

Ich schweige, trinke noch einen Schluck. Unschlüssig, weil ich weiß, das Worte weh tun können. Oder zu pathetisch klingen.

Und dann tu ich es doch, obwohl ich nicht weiß, ob es richtig ist.

„Ihr lebt hier in einer Zeit des Krieges, der Armut, der Unsicherheit, der Düsternis. Manche von euch brauchen sie zum Leben, andere versuchen, sie zu vertreiben. Jeder von euch hat einen Sinn. Aber das es euch alle gibt, das gibt mir ganz oft einen Sinn. Den Versuch zu verstehen, was nicht zu begreifen ist. Wofür gibt es Leid? Wofür brauchen wir Dunkelheit? Kann Licht wirklich nur leuchten, wenn es auch Schatten gibt? Und warum, warum ist oft das meiste Leid gar nicht von außen verschuldet, sondern durch die Taten derer, die sich Menschen nennen. Gibt es denn nicht auch ohne unser Zutun genug Schreckliches?“

Ich hole nochmals tief Luft, und rede noch leiser. Ich weiß nicht, ob mich die anderen noch hören können, denn der nächste Satz ist eigentlich fast nur für mich.

„Ich komme hierher, und baue an eurer Welt, weil so meine Gefühle kanalisiert werden, raus können. Wenn ich ganz ehrlich bin, gebe ich euch meine Angst und meine Schrecken mit. Es tut mir leid.“

Es wundert mich nicht, dass es Nerex ist, der plötzlich den Arm um mich legt.

„Du hast mir die Finsternis gegeben. Und ich weiß nicht, worin der Sinn darin liegt, der Sinn in meinem Leben. Aber ich bin dir nicht gram. Wenn es dich nicht geben würde, dann gäbe es auch meine Würfel nicht. Und irgendwie – so seltsam klein das auch sein mag – mag ich meine Würfel.“

Er lacht.
Und ich auch.

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