Der blaue Sohn

Erirfort, 3. Mond 1188

„Was ist los, Lira?“ Percy warf einen Blick auf seine Frau, die sich von der Bank erhob und gleich darauf krümmte. Aber über ihr Gesicht lief ein Lächeln.

„Alles gut. Es ist nur der Kleine. Er tritt.“

„Aber …“, setzte Percy an.

„Nein, kümmer dich um deine Ritter. Ich werde mich etwas ausruhen.“

Sie verschwand durch die Bankreihen der großen Halle. Neben ihm grölten die Ritter, die zum vierteljährlichen Richttag erschienen waren und sich Ale und Met widmeten – nachdem Braten und Brot verschlungen waren.

Percy mochte Richttage. Seine Halle erschien ihm oft so leer und still. Es gab nicht viele Kinder unter den Bewohnern der Burg, kaum jemand, der wild umher lief und vor Freude in andere hinein bretterte. Und die Gelage der Burgwache fanden in aller Regel nicht unter seinen Augen statt. An Richttagen aber waren sie alle da, lachten, sangen, feierten. Nicht alle Entscheidungen waren leicht, aber die Abende ließen es ihn vergessen. Manchmal tauchte sogar ein Barde auf, der alle unterhielt.

Heute war keiner unter ihnen, dafür sangen einige der Anwesenden umso lauter. Aber Perca wischte sich seine verschwitzen Hände unauffällig an seiner Hose ab. Trat mit den Füßen hin und her und beachtete seinen Krug nicht weiter. Stattdessen wanderte sein Blick unzählige Male durch die Halle, von den Fackeln hin zum Feuer im Kamin, denn auch wenn der Schnee sich so langsam verzog, war es draußen bitterkalt.

„Euer Krug ist noch voll“, dröhnte Aelfric und stieß seinem Grafen freundschaftlich in die Seite.

„Feiert weiter“, erklärte Percy knapp und erhob sich. „Ich habe etwas zu erledigen.“

Seine Ritter sahen ihn verwundert an, aber Aelfric rief: „Ihr habt ihn gehört! Einem Befehl des Grafen muss Folge geleistet werden. Hoch die Krüge!“

„Wir stoßen an, Prost, Prost“, sangen sie im Chor.

Percy schob sich durch die Reihen hinaus.
Kaum hatte er die Tür zur Halle hinter sich geschlossen, legte sich Stille um ihn. Etwas zog in seiner Brust und er keuchte kurz auf. Lira. Seine Schritte hallten durch den leeren Gang, als er den Weg zu Liras Gemächern entlang eilte. Beinahe wäre er in eine der Mägde hinein gelaufen, die einen Eimer Wasser schleppte. Eine zweite überholte ihn. „Aus dem Weg, Graf. Ihr könnt dort jetzt nicht helfen.“
„Ich werde bei meiner Frau sein“, bestimmte er und trat nach der Magd in die Kammer.

Lira lag auf dem Bett. Die Haare klebten an ihrem geröteten Gesicht. Dann öffnete sie den Mund und stöhnte. Percy war mit einem Satz bei ihr, griff nach ihrer Hand. „Ich bin da, Lir. Hier, pack zu. Ich bin da.“

Verwundert drehte sie den Kopf zu ihm. Sie schloss kurz ihre Augen, aber sah ihn dann an. „Er kommt zu früh“, flüsterte sie. „Dein Sohn hat es eilig.“

Dann wieder verzerrte sich ihr Gesicht, ihre Hand packte seine. Mühsam unterdrückte er ein Stöhnen.
Die Mägde waren unruhig. Wo war die Hebamme? Die Hand seiner Frau entspannte sich wieder.

Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat ein. Ihre blonden Haare lugten unter einem hastig gebundenen Tuch hervor, ihr dicker Mantel war schneebesetzt. Hatte es draußen also doch wieder angefangen zu schneien. Die Fensterläden klapperten, als die Tür wieder zufiel.

„Nitha“, grüßte Percy die Hebamme.

Doch sie beachtete ihn nicht, sondern warf ihren Mantel in eine Ecke und eilte zu Lira. Legte ihr eine Hand auf den Bauch, warf einen prüfenden Blick auf das Gesicht.
„Hast du den Trank angerührt, wie ich es gesagt hatte?“, fuhr sie sie ungeduldig an. Die Magd nickte und wies auf den Becher neben dem Bett. Nitha nahm ihn, roch dran und hielt ihn Lira hin.

Doch sie drehte den Kopf weg.

„Ihr müsst trinken, Gräfin. Es hilft gegen die Schmerzen und macht es dem Kleinen leichter.“

Mühsam schluckte seine Frau. Doch nur wenige Augenblicke später würgte sie und erbrach sich.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie.

Percy strich ihr über den Kopf. „Schon gut. Du hast nichts falsch gemacht.“

Erst jetzt sah Nitha zu ihm. „Wollt ihr wirklich dabei bleiben?“, fragte sie ihn. „Es ist eine Frauenangelegenheit.“

„Sie ist meine Frau und ich bleibe!“

Nitha nickte. „Dann bleibt mir aus dem Weg. Euer Sohn ist sechs Wochen zu früh dran. Und eure Frau jetzt schon schwach. Versucht, ihr noch etwas von dem Trank einzuflößen.“

Es wurde eine lange Nacht.

Die Mägde wuselten hin und her. Sie halfen Lira auf, gingen mit ihr ein paar Schritte. Hielten sie in einer seltsamen Hockstellung, doch sie wurde immer wackeliger auf den Beinen. Schließlich legten sie sie wieder aufs Bett.

„Auf die Seite“, fuhr Nithas scharfe Stimme durch den Raum. Gehorsam drehten sie Lira. Seine Frau schrie mittlerweile erbärmlich und erschlaffte in den Pausen. Keuchte und wurde unangenehm still.

„Nitha“, beschwor Percy sie als schon die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen. „Was stimmt nicht?“

„Euer Sohn liegt nicht richtig. Er kommt nicht durch.“

Handtücher wurden gewechselt, frisches Wasser gebracht. Blutdurchtränkte Tücher in eine Ecke geworfen.

Nitha hatte Erde in eine Schale geworfen und murmelte immer wieder Gebete an Lemira, die Göttin des Lebens.

Schließlich straffte sie die Schultern. „Dreht sie auf den Rücken. Ich helfe von außen nach.“ Sie drehten Lira, die sich selbst kaum noch rührte. Percy wischte ihr die Stirn. Auch er hatte angefangen, zur Göttin zu beten. Lass sie beide leben, Lemira.

Dann packte Nitha mit beiden Händen Liras Bauch und schob. Immer wieder von einer Seite zur nächsten.

Lira würgte, aber nur ein paar Tropfen Wasser kamen hoch. Sie hatte nichts mehr zu sich genommen.

Dann plötzlich kam Bewegung in die Sache. Nitha griff ihr zwischen die Beine, dehnte mit beiden Händen den Ausgang. Lira wölbte sich, schrie, lauter als je zuvor. Holte nicht ein mal mehr Luft, sondern schrie nur noch.

Und dann erklang ein zweiter Schrei. Leise noch, aber lauter werdend. Sein Sohn. Der erste Laut seines Sohnes.

Lira fiel zurück. Er hielt sie, so gut es ging, wischte ihr nochmals das Gesicht ab.

Nitha wickelte den Säugling in die Tücher, die dafür bereit lagen und legte das winzige Geschöpf an Liras Brust.

Blieb dort, hielt ihn. Denn Lira hob die Arme nicht.

Percys Blick wanderte von dem kleinen Geschöpf hinunter zu dem Schlachtfeld zwischen Liras Beinen.

„Was ist das?“, hauchte er.

„Blut, Graf. Ihre Frau blutet. Hier haltet den Kleinen. Wenn er trinkt, haben wir eine Chance.“

Dann holte sie ein neues Pulver, rührte es in Wasser und flößte es in Lira ein.

Griff ihr an den Bauch und massierte sie. Lira rührte sich nicht.
Percy hielt das kleine Bündel in seinen Händen und wusste nicht, was er tun sollte.

Sein Herz schlug immer schneller. Seine Gedanken rasten, formten aber keine klaren Wörter mehr.

Alles versank in einem dicken Nebel der Angst, die ihn ergriff.

„Trink“, flüsterte er. Eine der Mägde kam und schob dem kleinen Wurm die Brustwarze in den Mund. Doch es passierte nichts.
Der kleine Kopf war so winzig. Er sah aus wie ein Mensch und doch irgendwie nicht. So rot und verschmiert und schrumpelig und unförmig.

„Lemira, du hast das Leben geschenkt, gib ihr Kraft“, murmelte Nitha von unten und drückte immer wieder in einer gleichen Bewegung auf den Bauch. Lira zuckte nicht einmal. Atmete sie überhaupt noch? Ja. Ihre Brust hob sich. Wenn auch ganz wenig.

„Willkommen im Leben, Josha“, flüsterte Percy. „Komm, hilf deiner Mutter und trink. Nitha sagt, das ist wichtig.“ Sollte er ihn berühren? Mit dem Finger ganz vorsichtig über seine Stirn streichen? Aber er sah so zerbrechlich aus. Der kleine Grafensohn wimmerte. Wieder schob ihm die Magd die Brustwarze in den Mund.

Und dann, ganz langsam, begann der Kleine zu saugen. Die Magd atmete laut aus.

Aber Lira bewegte sich trotzdem nicht. Bis sie sich plötzlich nochmal verkrampfte. Doch sie schrie nicht mehr. Unten fing Nitha eine rote Masse auf.

Sie lächelte einen Moment zufrieden, doch dann runzelte sie die Stirn.

„Nein, Lemira. So nicht. Steh uns bei“, flüsterte sie und griff wieder nach Liras Bauch. Massierte wieder. Percy konnte nicht sehen, was ihr Angst machte. Aber er sah den Schweiß auf Nithas Stirn und die Augen, die sich weiteten.

„Was ist los?“, flüsterte er.

„Sie blutet. Und es hört nicht auf.“

Es klopfte an der Tür.

„Jetzt nicht“, knurrte Nitha.

Die Tür ging trotzdem auf. Eine Magd stand drin und murmelte etwas. Percy verstand es nicht, aber eine der anderen Mägde ging zu ihr.

„Ja, der Grafensohn ist auf der Welt. Vor einer halben Stunde. Geh und sagt das dem Sternweiser. Mehr muss er nicht wissen und herkommen muss er auch nicht. Wir brauchen Ruhe. Und bring nochmals frisches Wasser.“

Percy sah von seiner Frau zu Nitha und dann wieder zu seinem Sohn. Seine Brust zog sich zusammen. Seine Frau war so weiß, sein Sohn so winzig und Nitha … Nithas Mund war zu einer dünnen Linie gepresst.

Er sah zurück zu seinem Sohn. Bis gerade hatte der Mund sich noch bewegt, jetzt war er auf einmal still. „Was ist mit ihm?“, fragte er die Magd.

„Er ist eingeschlafen, alles gut, Herr.“

Und für einen Augenblick atmete er auf. Er hatte einen Sohn. Ein kleiner Teil von ihm und Lira. Ein Geschenk ihrer Liebe. Es war so still. So friedlich.
Zu still.
Dann bemerkte er warum. Nitha war zurückgetreten. Hatte die blutigen Hände sinken lassen. Stumme Tränen flossen über ihr Gesicht.
Er begriff es nicht.

„Warum tust du nichts?“, herrschte er sie an.

Ihr Kopf drehte sich zu ihm.

„Seht selbst, Herr, ob eure Frau noch atmet.“

Er hörte die Worte, aber er verstand sie nicht. Nitha kam auf ihn zu, griff seine Hand und legte sie Lira auf die Brust, direkt neben den Kleinen, der dort in seinen Tüchern lag und schlief.
Seine Hand bewegte sich nicht.
Er verstand trotzdem nicht.
„Sie ist verblutet“, erklärte die Hebamme.

Er rührte sich nicht. Starrte auf das bleiche Gesicht seiner Frau. Auf seinen schlafenden Sohn.
Nitha ließ ihn los und ging zu den Mägden.

„Wo ist die Amme?“, fragte sie.

„Helvar ist unterwegs, sie zu holen. Auf der Burg gab es keine, aber in Chato. Sie wird bald hier sein.“

„Gut.“ Sie seufzte. „Lasst den Kleinen bei ihr liegen, bis sie da ist. Noch ist sie warm und kann ihm alles geben, was er braucht. Wenn die Amme da ist, gebt ihn ihr und bereitet die Gräfin für ihre letzte Reise vor.“ Sie warf einen Blick zu Percy. „Und gebt ihm irgendetwas zu tun.“

Sie packte ihre Sachen und ging dann noch einmal zum Grafen. „Euer Sohn ist stark. Er ist winzig, aber er hat es geschafft zu trinken. Er wird es überleben, solange er warm bleibt. Achtet darauf. Ich weiß nicht, wie erfahren Eure Amme ist. Wenn sie nicht weiter weiß, ruft mich. Ich bleibe auf der Burg.“ Dann legte sie ihm eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid.“

Seine Worte kamen aus dem Mund, ohne dass er wusste, woher er sie holte. „Danke. Lasst euch euren Lohn von Lokar geben.“

Dann sah er zurück auf seine Frau und seinen Sohn. Sah hin und sah nichts. Fühlte nichts. Keine Trauer, keine Freude. Er verfolgte einzig und allein nur noch das leichte Heben und Senken der Tücher, in die sein Sohn gehüllt war.

Erst die Ankunft der Amme riss ihn aus seiner Starre. Die Magd hob das kleine Bündel hoch, das sein Sohn war und nahm es an sich. „Nein“, protestierte er.
„Herr, er kann nicht bei der Gräfin bleiben. Sie … sie ist …“

„Ich weiß, dass sie tot ist“, fuhr er sie an. „Aber es ist mein Sohn. Ich nehme ihn.“

„A-aber er braucht die Amme.“

Er sah sie an. Sah sie zittern. Sie hatte Angst vor ihm. Er atmete durch. „Ich weiß das. Ich will ihn nur einmal halten. Es ist mein Sohn.“

Er hatte ihn seiner Frau solange gelassen, wie er konnte. Vielleicht konnte sie das Gefühl ihres Sohnes auf ihrer Brust mit auf ihre Reise in die Halle der Götter nehmen. Sie hatte nicht die Möglichkeit ihn kennenzulernen. Ihn aufwachsen zu sehen. Sein Lachen zu hören. Seine Umarmung zu spüren. Aber er hatte ihn ihr so lange gelassen, wie er konnte.
Jetzt war der Moment des Abschieds gekommen und er wollte nicht, dass sein Sohn mit der Amme ging, ohne zu wissen, dass er einen Vater hatte. Einen Vater, der ihn liebte.
Also nahm er das kleine Bündel, auf das Lira und er sich so sehr gefreut hatten.

Er nahm ihn und drückte ihn ganz vorsichtig an seine Brust. Als könnte jede Berührung ihn zerbrechen.
„Du bist mein Sohn“, murmelte er. „Ein neuer, blauer Sohn aus Tristrams Linie. Ich bin dein Vater. Ich“, er stockte. „Ich kann dir nicht deine Mutter geben. Nereson hat sie mit sich gerissen. Aber ich verspreche dir, ich bin immer für dich da. Die Welt …“ Er schluchzte. „Die Welt ist nicht gerecht, mein Sohn. Aber irgendwo gibt es immer etwas, das uns hoffen lässt. Und du, du bist meine Hoffnung.“ Er küsste ihn ganz leicht, berührte ihn kaum. „Du bist mein Licht. Und ich liebe dich.“

Dann ging er zur Amme. Die Beine schwer, als wäre er tagelang marschiert. Gab ihr das kleine Bündel. „Pass gut darauf auf. Scheu dich nicht, die Hebamme um Rat zu fragen. Und komm zu mir, wenn es Schwierigkeiten gibt.“ Er atmete durch. „Ich will, dass du mir meinen Sohn dreimal täglich bringst.“ Dann schwankte er, drehte sich um und kehrte zurück an die Seite seiner Frau.

„Lira“, flüsterte er. „Lira.“ Die Worte wollten nicht kommen. Nicht die Trauer, nicht der Zorn, dass sie ihn und Josha verlassen hatte. Kein Gebet schaffte es über seine Lippen. Er legte den Kopf auf ihre Brust und klammerte sich an ihr fest.

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