Der Turm
Nirina
Pst, Reisende/r!
Ich bin Nirina. Verrat mich nicht an meine Tante Aethel, aber ich kann dir helfen.
Ich hab schon öfter gesehen, dass Reisende sich hier in den verschiedenen Zimmern der Taverne verlaufen oder nicht wissen, wie sie die Aufgaben lösen sollen. Genau dabei kann ich dich unterstützen. Aethels Gate ist das Spiel in der Taverne, Grennland Soldier das Soloabenteuer.
Wenn du mich brauchst, bin ich da.
Die Dämmerung zieht auf. Die dritte Nacht seit dem Angriff ist vergangen.
Die letzten Tage seid ihr vorgerückt, habt abends einen notdürftigen Schutzwall aus Säcken und Schilden aufgebaut, aber ihr seid nicht angegriffen worden.
Die Rommländer haben sich wie erwartet im Turm verschanzt, warten dort auf euch.
Der Wind ist kälter geworden und pfeift euch um die Ohren. Tiw und Ead sind an deiner Seite.
„Bist du bereit?“ Ausnahmsweise fehlt Tiws Stimme das leise Lachen, das ihn sonst immer begleitet.
Bereit, einen Turm anzugreifen, obwohl der Gegner darin überlegen ist?
„Das spielt doch keine Rolle. Komm, lass uns wetten.“
„Worauf? Wie viele Fässer Wein wir finden?“
„Wohl eher, wie viele zerstört werden. Ach, keine Ahnung, es war nur so eine Idee.“
Tiw grinst. „Ja, versteh ich. Lass uns wetten, wie viele Pfeile Ead heute sammelt.“
„Euch geht’s gut, ja?“ Ead lacht. „Dann doch lieber, wie oft Tiw sein Schwert verliert und sich ein neues besorgen muss.“
„Nein, lass uns wetten, wie viele von den Rommis einen Goldreif tragen“, mischst du dich ein.
„Noch besser“, erklärt Tiw. „Lass uns hinterher zählen, wer die meisten von ihnen ergaunert.“
Der Turm, der in den letzten zwei Tagen von Ferne gelauert hat, ragt in der Finsternis auf.
Er ist größer, als du gedacht hast. Drei Räume hoch, heller, grauer Stein und überall mit Schießscharten versehen.
„Wahrscheinlich hängen sie uns an eben jenen Goldreifen hinterher von den Zinnen“, prophezeist du.
Tiw boxt dich leicht. „Ach was. Wir werden sie überrennen!“
Du schnaubst.
Ihr haltet an. Formiert euch. Das Denken ist vorbei. Jetzt heißt es einfach nur noch kämpfen.
Auf eine gewisse Art und Weise ist es Freiheit.
Du ziehst deine Waffe und rennst mit den anderen.
Tiw, Ead, zwei weitere und du seid dafür eingeteilt, so gut es geht den Turm zu umrunden und zu versuchen, den Hintereingang zu durchbrechen.
Alle anderen greifen von vorne an.
Dichte Wolken verhängen den Himmel. Nur an einigen Stellen bricht das rote Licht der aufgehenden Sonne hervor.
Vor euch stehen die ersten Soldaten, doch es sind Tokos sei Dank weniger, als ihr es seid. Und sie haben euch nicht bemerkt.
Ihr seht auf Ead, er gibt das Signal. Ihr rennt, die Waffen gezogen. Das erste Blut fließt.
Die hintere Pforte ist wie erwartet verriegelt.
Du hilfst Tiw die Mauer hinauf, einer der anderen geht mit.
Bumm. Der Aufprall zweier Paar Stiefel auf den Boden. Ein Schrei. Waffenklirren. Grunzen. Wieder ein dumpfer Aufprall.
Dann das Knirschen des Riegels, der verschoben wird.
Tiw grinst dich an.
Gemeinsam kämpft ihr euch durch den Turm.
Doch das Eindringen durch die Pforte war der leichte Teil. Die Rommländer sind euch deutlich zahlenmäßig überlegen.
Arme und Beine brennen mittlerweile. Außerdem hast du eine Wunde an deiner linken Schulter erlitten, die deine Bewegungen mühsamer macht.
Tiw sieht nicht besser aus. Blut strömt aus einer Wunde am Kopf.
Ead habt ihr an einer der letzten Ecken aus den Augen verloren, während ihr zwei Soldaten zurückgedrängt habt.
Plötzlich tauchen vor euch drei weitere Rommländer auf.
Einer von ihnen schlägt mit einem Hammer auf seinen eigenen Schild und grinst. Bumm. Bumm, bumm. Bumm. Zwei goldene Reifen klirren an seinem rechten Arm.
Durch eine Finte gelingt es dir, unter einem der drei hindurchzutauchen und den nächsten von hinten zu erledigen.
Tiw fällt einen der anderen zwei.
Der dritte wird von euch beiden durchbohrt.
Ihr tauscht ein finsteres Lächeln und teilt die goldenen Ringe zwischen euch auf. Dann geht es weiter.
Die nächste Treppe ist enger und steiler als die davor.
Ihr habt gerade erst die ersten Stufen betreten, als Steine auf euch herabrieseln.
Tiw wird getroffen und geht für einen Moment zu Boden, dann rappelt er sich wieder hoch.
Grimmig hebst du die Steine auf und wirfst sie so gut du kannst nach oben zurück.
Einer der Soldaten fällt und landet zu deinen Füßen. Tiw stürzt sich auf ihn.
Doch es bleibt euch keine Zeit mehr, nach seinen Ringen zu greifen, denn die nächsten drei springen von weiter oben auf euch drauf.
Du verlierst das Bewusstsein.
Du starrst einen Moment zu lange auf den, der den Hammer auf das Schild schlägt.
Einer der anderen holt aus, im letzten Augenblick parierst du.
Dein Arm erzittert.
Du drehst dich, weichst dem nächsten Schlag aus. Greifst an.
Doch deine Waffe wird vom gegnerischen Schild aufgehalten.
Dann saust eine Faust auf dich hernieder. Plötzlich zieht Tiw dich weg.
Gemeinsam rennt ihr den Gang zurück.
Doch die Soldaten sind euch auf den Fersen.
Gerade als ihr Eads Stimme hört, trifft dich einer der Verfolger von hinten und du gehst zu Boden.
Als du wieder aufwachst, hörst du Tiw wimmern. Du öffnest die Augen.
Es dauert einen Moment, bis du verstehst, was geschehen ist.
Um euch herum sind eure Nidarener Kameraden. Doch in Tiws Armen liegt einer, der sich nicht mehr rührt.
Ead hat die Augen geschlossen. Sein halber Schädel ist offen.
Tiws Schultern bewegen sich ruckartig bei jedem Schluchzen. Doch seine Hände sind vollkommen still, die Knöchel weiß, klammern sich an Ead.
Du siehst es. Doch es kommt nicht an.
Es kann nicht sein.
Du weißt, dass in jedem Kampf die Freunde sterben können.
Aber was du bis vor kurzem nicht wusstest, ist, dass es vielleicht eine Möglichkeit gegeben hätte, das hier zu verhindern.
„Was ist geschehen?“
„Ihr habt sie lang genug aufgehalten. Sie waren abgelenkt durch euch.“ Aldwyns Stimme ist dumpf.
„Wir fanden Ead zuerst. Es war zu spät. Er atmete nicht mehr. Dann fanden wir euch. Aber wir konnten nicht anhalten, denn die Rommis griffen uns an.“
Er macht eine Pause, starrt zu einem der Schießscharten hinaus.
„Ein paar sind geflohen. Die meisten liegen dort unten auf dem Hof. Die Versorgung der Verletzten ging vor, aber ein paar von uns bereiten das Feuer vor. Gleich werden sie gemeinsam mit den unseren brennen.“
Du drehst dich um. „Tiw.“
„Ja. Gleich wird er ihn loslassen müssen.“
„Ich trage Ead mit ihm nach unten.“
Die Flammen schlagen hoch, erhellen das Dunkel, das sich über die Welt gesenkt hat. Aldwyn stimmt es an, die Hymne Neresons.
Dunkle Nacht, du nimmst sie mit dir
findest im Feuer
was dir gehört.
Dunkler Gott, sie ziehen mit dir
die Kameraden, gefallen
reißt du fort von uns
ein Tribut an dich
Mögen sie an deiner Seite
in der ewigen Halle
Sitzen und trinken
Kämpfen und feiern
in Ewigkeit.
Nicht lange danach zerstreut ihr euch.
Gemeinsam kämpft ihr euch durch den Turm.
Die Gänge sind eng, im Licht der Fackeln schimmert das ein oder andere Spinnennetz.
Die Geräusche des Kampfes dröhnen durch den Turm. Aber es ist nicht klar, woher genau sie kommen.
Als ihr um die Ecke biegt, tauchen drei Rommländer vor euch auf.
Sie stürmen los, die Schwerter gezogen.
In deiner Brust zieht sich alles zusammen. Ein heißes Gefühl breitet sich aus. Wut. Kraft.
Bedien dich, flüstert eine Stimme. Wir sind da.
Du hebst deinen Arm, wirfst dich den Feinden entgegen, sodass du vor Tiw und Ead stehst.
Du hebst deine Waffe, parierst.
Weiter und weiter kämpfst du dich durch die Reihen.
Du kannst die Rommländer kaum noch als einzelne Menschen erkennen. Siehst keine Gesichter mehr.
Die Stimme in dir treibt dich an. Dort ist einer. Ja, genau der. Weiter. Spürst du die Kraft?
Einer nach dem anderen fällt.
Bis die Stimme plötzlich leiser wird und dein Arm schwerer zu heben ist.
Du drehst dich um. Hinter dir liegt ein Gang mit Gefallenen.
Dein Herz rast, du keuchst schwer vor Anstrengung. Wo waren Tiw und Ead? Und die anderen?
Du solltest nach ihnen sehen, nicht mehr alleine weiter.
Ein dumpfes Geräusch.
Ruckartig drehst du dich um, hebst im gleichen Moment deine Waffe.
Gerade noch rechtzeitig, denn ein Rommländer lässt sein Schwert auf dich niederdonnern.
Dein Arm zittert, aber er hält.
Dann rennst du zu den anderen zurück.
Tiw und Ead sind nicht mehr dort, wo du sie zurückgelassen hast.
Du findest sie draußen bei den anderen. Keiner kämpft mehr, die Schlacht ist geschlagen.
Dein Arm zittert und gibt nach.
Du rollst dich auf dem Boden, um dem Gegner auszuweichen.
Er setzt nach, erwischt dich an deiner Seite.
Den nächsten Schlag parierst du, aber sein Stiefel landet in deinem Bauch.
Nur mühsam richtest du dich mit letzter Kraft auf und versuchst einen Gegenangriff, vor dem er sich wegdreht.
Er hebt erneut sein Schwert, doch bevor es dich trifft, fängt eine Waffe es ab.
Tiw ist gekommen.
„Keine gute Idee, sich auf den Boden zu legen, um sich abschlachten zu lassen“, meint er und hilft dir hoch.
Er schleppt dich zu den anderen.
Als du bei ihnen ankommst, hebt Ead den Kopf.
„Du siehst übel aus“, murmelt er, aber in seiner Stimme liegt ein Unterton, den du nicht deuten kannst.
Du willst antworten, aber deine Zunge scheint wie gelähmt.
Deine Knie sind weich. Lange stehen kannst du nicht mehr.
Die Schwäche ist so stark, dass du den Hunger dahinter erst gar nicht wahrnimmst.
Doch dann wird das Ziehen im Bauch übermächtig.
Friss, flüstert die Stimme in dir. Nimm dir, was du brauchst.
Du schaust in die Gesichter deiner Freunde. Beobachtest, wie deine Kameraden den Platz räumen. Tote aufeinanderstapeln.
Es ist ganz leicht, dich nicht mehr schwach zu fühlen. Du könntest ihnen helfen. Bei ihnen sein.
Die Schwäche in dir ist unerträglich, der Hunger wird immer schlimmer.
Dein Atem geht schwer.
Aber dann öffnest du dich dem Einfluss der Stimme.
Schatten kriechen von dir nach außen. Ob andere sie sehen können?
Sie wabern um dich herum, dann strahlen sie in alle Richtungen aus. Treffen auf die, die dich umgeben.
Doch hier sind keine Gegner mehr, sondern nur deine Freunde. Deine Kameraden.
Die Schatten fressen, doch was genau, weißt du nicht.
Du siehst nur, wie sie stärker werden, dunkler. Und zu dir zurückkommen.
Endlich lässt die Schwäche nach.
Du schließt die Augen, atmest durch. Die Kraft kommt zurück. So sehr, dass es in dir vibriert.
Ein Schrei lässt dich die Augen öffnen.
Es ist, als wären Minuten vergangen statt weniger Augenblicke, so sehr hat sich das Bild vor dir verändert.
Wo eben noch die anderen gemeinsam die Toten gestapelt haben, knien nun mehrere deiner Kameraden neben einigen, die offenbar zu Boden gesunken sind.
Du suchst nach Tiw und Ead und atmest erleichtert aus, als du sie unter den Helfenden findest.
Dann prasseln die Gedanken auf dich ein.
War das Kos?
Warst du das?
Hast du dafür gesorgt, dass deine eigenen Kameraden umfallen?
Du gehst auf die anderen zu, aber bevor du sie erreichst, hält dich eine Hand an deiner Schulter auf.
„Du solltest dort jetzt nicht sein“, raunt dir eine Stimme ins Ohr. Nerex.
Du starrst ihn an. „Ich gehöre dorthin.“
„Nicht jetzt in diesem Moment, wo Kos’ Kraft noch in dir tost. Glaub mir. Geh nicht näher.“
Doch du reißt dich von ihm los. Eilst zu Tiw und Ead.
Tiw bemerkt dich zuerst, sieht dich an und zuckt zusammen. „Was ist mit dir?“, haucht er.
Du tastest mit der Hand dein Gesicht ab, aber kannst nichts spüren.
Auch Ead sieht dich nun an.
„Halt dich fern von uns“, knurrt er dich an.
„Aber …“
Doch Tiw und Ead drehen sich um und verschwinden im Gewusel der anderen.
„Ich hab es dir gesagt. Du hättest warten sollen. In zwei oder drei Stunden ist nichts mehr zu sehen.“
„Was ist zu sehen?“
„Die Aura des Kos.“ Er zuckt mit den Schultern. „Nichts, was in Worte zu fassen wäre. Aber du hast die Magie genutzt, um deine eigene Kraft nicht zu verlieren.“
Er lacht leise. „Wenn du nicht gehandelt hättest, wären deine Freunde jetzt womöglich gar nicht am Leben. Was ist besser?“
Damit lässt er dich stehen.
Es dauert nicht lange, bis die zu Boden gesunkenen Kameraden versorgt sind.
In der Mitte des Hofes ist ein Scheiterhaufen aufgebaut worden, wo eure Toten wie auch die Rommländer ruhen. Drei Kameraden tragen eine Fackel in der Hand, die die Nacht erhellt.
Die Flammen schlagen hoch, erhellen das Dunkel, das sich über die Welt gesenkt hat. Aldwyn stimmt es an, die Hymne Neresons.
Dunkle Nacht, du nimmst sie mit dir
findest im Feuer
was dir gehört.
Dunkler Gott, sie ziehen mit dir
die Kameraden, gefallen
reißt du fort von uns
ein Tribut an dich
Mögen sie an deiner Seite
in der ewigen Halle
Sitzen und trinken
Kämpfen und feiern
in Ewigkeit.
Nicht lange danach zerstreut ihr euch.
„Nein“, raunst du durch die Nacht.
Aber du spürst, dass dort etwas lauert, ein Abgrund, den du nicht hinunterstürzen willst.
Denn da unten ist tiefe Schwärze. Kälte. Leid.
Es ruft dich.
Dein Hunger wird immer stärker. Deine Beine geben nach.
Mit der letzten Kraft, die du hast, versuchst du, die anderen zu erreichen.
Doch bevor du das schaffst, fällst du um.
Dunkle Nacht, du nimmst sie mit dir
findest im Feuer
was dir gehört.
Dunkler Gott, sie ziehen mit dir
die Kameraden, gefallen
reißt du fort von uns
ein Tribut an dich
Mögen sie an deiner Seite
in der ewigen Halle
Sitzen und trinken
Kämpfen und feiern
in Ewigkeit.
Die Hymne Neresons. Das Lied für die Toten, das Soldaten ihren Kameraden mit auf die Reise geben.
Es zieht in deiner Brust.
Du öffnest die Augen und siehst dich um.
Du liegst auf einem Lager.
Du versuchst dich aufzusetzen, aber es gelingt dir nicht.
Deine Arme schaffen es nicht, dich hochzustemmen.
„Es wird eine Weile dauern“, raunt dir eine Stimme zu.
Du zuckst zusammen, du hattest niemanden im Raum gesehen.
„Nerex“, krächzt du.
„In der Tat. Ich wollte nach dir sehen, nachdem du weggesackt bist. Du hättest Kos nicht deine ganze Kraft geben müssen.“
„Besser meine als die von einem anderen“, murmelst du.
„Menschlein“, grunzt Nerex. „Wie du meinst. Deine Kraft wird zurückkehren. Aber du wirst feststellen, dass du eine lange Narbe am Rücken davongetragen hast, die sich über beide Arme zieht.“
„Wie das?“
„Kos. Du hast dich selbst gegeben, nicht die anderen. Also hat er dich gezeichnet.“
Er seufzt. „Es ist nichts Schlimmes. Aber es würde mich auch nicht wundern, wenn es von Zeit zu Zeit schmerzt.“
„Nichts Schlimmes, ja?“
„Im Vergleich. Aber tröste dich damit, dass es nicht überwiegend deine Freunde sind, die von eurem kleinen Lied begleitet werden, sondern eure Gegner. Das wäre ohne Kos und dich nicht möglich gewesen.“
Genauso schnell, wie er gekommen ist, verschwindet er und du bleibst allein zurück.
Kehre zu Deinem Reisetagebuch zurück und sieh nach, welche neuen Einträge sich ergeben haben.
Außerdem kannst du von dort wichtige Orte immer wieder aufsuchen.
