Durch den Wald

Die Spuren führen in den dichten Wald hinein, weiter nach Norden. Immer weiter folgst du ihnen, obwohl sie schwieriger zu lesen werden.

Konzentriert auf die Suche landest du plötzlich mit einem dumpfen Rums auf dem Boden einer Falle. Um dich herum Erdwände, doppelt so hoch wie du selbst.

Dir gelingt es, aus dem Loch herauszuklettern. Allerdings hast du Schmerzen in deinem Fuß, nachdem du beim Hochklettern einmal abgerutscht und auf deinem rechten Knöchel gelandet bist.

Während du gerade deinen Stiefel ausziehst, um zu sehen, was bei dem Sturz passiert ist, raschelt es in den Zweigen.

„Junge, Junge. Wenn ich jetzt eine Weggelagerin wäre, du wärst mir hilflos ausgeliefert“, ertönt eine Stimme hinter dir.

Du drehst dich ruckartig um. Vor dir steht eine Frau, vielleicht Ende dreißig, mit einem grünen Rock, der mehr an eine Hose erinnert, einem Rucksack mit vielen kleinen Taschen und einem Gesichtsausdruck, als müsste sie sich mühsam das Lachen verkneifen.

„Vielleicht ist das nur ein Trick, um die Räuber anzulocken“, erwiderst du.

„Zeig mal her“, fordert sie dich auf, nimmt deinen Fuß in die Hand und drückt an mehreren Stellen, sodass du dir auf die Zunge beißt, um nicht zu stöhnen.

Sie setzt ihren Rucksack ab, öffnet eine der äußeren Taschen und zieht ein kleines Fläschchen heraus. Dann öffnet sie es, riecht kurz daran, träufelt ein paar Tropfen auf deinen Fuß und reibt sie ein.

Ein angenehmer Duft dringt an deine Nase, auch wenn du nicht sagen kannst, was es ist. Aber der Schmerz in deinem Fuß lässt nach.

„Gern. Aber ich muss schon sagen, nachdem, was ich gehört habe, hätte ich nicht damit gerechnet, den Reisenden, den der Hauptmann angeworben hat, in einer Wildtierfalle zu finden. Warst du noch nie in einem Wald?“

Du knirschst mit den Zähnen, aber zwischen all dem Spott ist eine leise Wärme zu spüren.

„Ich wollte nur nachsehen, ob die, denen ich gefolgt bin, dort unten sind“, gibst du zurück. Dann wirst du ernst. „Wer bist du und warum weißt du, wer ich bin?“

„Elanja, die alte Kräuterfrau von Brynfurt.“

„Ja, glaub nur, was du magst. Weise und alt bin ich und du ein unerfahrener Grünling gegen mich. Aber ich helfe trotzdem gerne.“

„Und weißt du was über die Räuber?“

Sie wiegt den Kopf hin und her. „Und wenn? Ich weiß vieles. Die Frage ist eher, was genau musst du wissen.“

Sie lacht. „Na sicher doch. Kommt ein Reisender daher. Will alles wissen. Stürzt in ein Loch.“

„Und?“

„Ich muss jetzt gehen, Reisender. Aber ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen. Vielleicht ist dann der richtige Moment für Fragen gekommen.“

Die Erdwände bieten dir keinen ausreichenden Halt. Immer wieder rutscht die Erde unter deinen Händen und Füßen fort.

Versuchsweise kratzt du mit den Fingern an der Erdwand vor dir und stellst fest, dass du zwar keinen Halt zum Hochklettern findest, aber die Erde weich genug ist, um zu graben.

Es dauert zwar lange und die Dämmerung bricht über dich hinein, aber schließlich hast du eine Art Stufen zustande gebracht und bist aus dem Loch herausgeklettert.

Die Wände sind unerbittlich: Kein Hochklettern, kein Graben. Nichts kannst du ohne gescheites Werkzeug tun. Nicht einmal Platz ist da, um hin und herzulaufen.

Leise beginnst du zu summen, einfach nur, weil dir nichts Besseres einfällt.

In dem Moment, in dem du Schritte im Geäst hörst, fällt auch schon ein großer Schatten über dich.

Über dir steht ein Soldat. Die Abzeichen der Landwacht sind deutlich auf dem Umhang zu erkennen. Auch die Stiefel kommen dir seltsam bekannt vor. Sie ähneln deinen eigenen.

„Hier“, ruft der Soldat und lässt ein Seil zu dir hinunter. Du packst es und während du so gut du kannst mit den Füßen mitkletterst, zieht er dich hoch.

Er ist nicht einmal außer Atem, als du auf dem Waldboden landest.

„Gern. Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja, danke.“ Du zögerst, aber die Neugier siegt. „Wer bist du und was machst du hier?“

Er lacht. „Hartogh, und der Hauptmann hat mich geschickt. Ich gehör zur Kompanie, die sowieso in ein paar Tagen hier in Brynfurt ankommen wird.

Du hast doch nicht geglaubt, dass du der einzige bist, auf den Erafil setzt, oder?“ Er schlägt dir auf die Schulter. „Nichts für ungut. Wir waren noch auf einem anderen Auftrag unterwegs, aber der ist erledigt, und jetzt geht es hier weiter.

Trotzdem hatte der Hauptmann Recht, dich anzuwerben. Einer, der nicht direkt von uns ist, hat mit Sicherheit bessere Chancen, etwas aus den Leuten hier herauszubekommen.“

„Ich bin mir da nicht sicher“, gibst du zurück.

„Glaub mir. Selbst wenn sie dir nichts sagen, reden sie immer noch mehr mit dir als mit uns.“

Ein Schatten huscht über sein Gesicht.

„Was soll’s. Es wird dunkel, ich werd verschwinden. Wir werden uns wiedersehen.“

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