Zwiegespräche in Aethels Taverne
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Weltenbummler, Fremder, Freund
Alex Strüver – Fantasy, News & Lifestyle
Aethels Taverne – ein Ort am Übergang der Welten. Wo Figuren in die Welt der Schreibenden sehen können, Geschichten daraus mitnehmen und Lieder umdichten. Und wo Schreibende ihre Welt betreten.
Tritt ein, und wenn du Glück hast, kannst du Stimmen lauschen, die noch keiner vor dir gehört hat. Doch Vorsicht, denn manchmal öffnet sich die Tür zur Welt dahinter und was du dort siehst, mag lange in dir nachklingen.
Weltenbummler
„Sieh an, ein Fremder. Er scheint zu uns zu kommen.“ Nerex hebt einladend seine Hand.
„Nicht so voreilig, Glatzhaar. Wer weiß, was er hier möchte. Vielleicht will er gar nicht zu uns. Lass ihn doch erstmal die Taverne betreten.“
„Ach was, er guckt sich suchend um, er kann nur zu uns wollen. Siehst du, Seelenfinder? Da kommt er schon.“ Nerex grinst und schiebt seine Kapuze nach hinten, bis sich das Licht in seiner Glatze spiegelt.
„Na, Fremder? Hast du dir bei Aethel schon ein Ale bestellt? Sag nicht, du trinkst lieber vom Roten, so wie der Seelenfinder hier. Ich habe nichts gegen rote Getränke, aber dann sollte da schon etwas anderes mit drin sein.“
„Ich muss mich für meinen, ähm, Gesprächspartner entschuldigen. Sei uns willkommen. Ich darf uns kurz vorstellen? Mein Name ist Breanos. Was ich bin tut indes nichts zur Sache. Nur ein alter Mann, der gerne über Bücher und Geschichten redet.“
„Und nebenbei versucht herauszufinden, was mit seinem einstigen Novizen geschehen ist.“
Breanos seufzt. „Wie immer kann Nerex sich nicht beherrschen. Ganz zu schweigen davon, dass er einen nicht mehr in Ruhe lässt, wenn er etwas wissen will oder Langeweile hat. Ich hoffe für dich, Fremder, dass du einen guten Rückzugsort hast, wenn es dir zu viel wird.“

„Genug Geschwafel, Seelenfinder. Lass den Fremden zu Wort kommen. Ich will endlich wissen, wer er ist.“
„Man kennt mich unter vielen Namen – doch der wahre lautet Alexander Wolfgang Strüver“, beginnt der Fremde, wird aber von Aethel unterbrochen.
„Weißt du schon, was du trinken möchtest?“
„Noch nicht. Was gibt es denn?“
„Hier, sieh in der Karte nach. Ich komme wieder.“
Alex vertieft sich einen Moment und klappt dann die Karte zu. Er sieht seine beiden Tischgenossen an und räuspert sich. „Ein Weltenbummler und Suchender bin ich, seit ich denken kann. Aufgewachsen im bescheidenen Bielefeld und seit meinem 17. Lebensjahr unterwegs in der Welt. Ich habe in über dreißig Ländern gelebt und gearbeitet, stets mit offenen Augen, um Kulturen, Mythen und soziale Prägungen zu analysieren, zu verstehen und vor allem zu erleben.“
Nerex setzt gerade zu einer Erwiderung an, da steht Aethel schon wieder am Tisch. „Nun? Entschieden?“
„Sei doch so frei und bringt mir einen Seelenbrandt pur ohne Eis bitte!“
Sie nickt und verschwindet wieder.
Fantasy mit Substanz
Nerex macht den Mund auf, doch bevor er reden kann, sagt Breanos: „Keiner kommt ohne Grund in diese Taverne. Nur Menschen – oder Menschenähnliche möchte ich sagen – die im Herzen Geschichten lieben, sich der Fantasy verbunden fühlen. Also gehe ich davon aus, dass auch du einer von diesen bist.“
„Seelenfinder, wie kannst du dich nur so unglaublich kompliziert ausdrücken?“, unterbricht ihn Nerex. „Also Alex, ich denke was der Seelenfinder sagen will, ist: Was bindet dich an Fantasy?“
„Da sieht man wieder, dass du mich eben nicht verstehst, Glatzhaar! Ich wollte fragen, welchem höheren Ziel er sich verschrieben hat, denn das ist doch viel bedeutender, als einfach nur zu wissen, was ihn bindet.“
„Es ist mehr oder weniger dieselbe Frage“, knurrt Nerex.
„Schon gut“, wirft Alex ein. „Ich denke, ich kann beides gut in einem beantworten. Aber ich hoffe, ihr habt Zeit mitgebracht, denn eines bin ich nicht: Ein Freund kurzer Antworten.“
„Dann kannst du dich ja mit unserem goldenen Seelenfinder hier zusammentun. Der schafft es auch immer aus einem Satz zehn zu machen.“
„Und jetzt lässt DU ihn nicht zu Wort kommen. Bitte, Alex, erzähle uns.“
Alex grinst kurz und beginnt. Je länger er redet, desto mehr leuchten seine Augen.
„Ich habe mich einem höheren Ziel verschrieben: Fantasy mit Substanz sichtbar zu machen. Dafür habe ich ein Magazin – das Fantasy News & Lifestyle Magazin. Für mich ist dieses Genre weit mehr als Eskapismus oder schöne Symbolik. Ich gehe bewusst in die Tiefe – in die Strukturen, Hintergründe und Mechanismen, die viele übersehen. Ich beleuchte, was Geschichten wirklich tragen: die Perspektiven ihrer Schöpfer, die inneren Beweggründe, die kulturellen und psychologischen Muster, die in jedem Narrativ mitschwingen.
Mir geht es darum zu zeigen, dass jede Geschichte ein Spiegel des Menschen ist, der sie erzählt. Ein Narrativ ist kein Selfie der Fantasie, sondern ein Transportmittel für Einsicht, Erfahrung und Wahrheit. Genau diese versteckte Substanz möchte ich hervorheben, erklären und für ein breiteres Bewusstsein zugänglich machen.
Mein Ziel ist es, Menschen zu zeigen, dass Fantasy nicht nur unterhält, sondern Orientierung geben, Denken vertiefen und Leben formen kann. Diese Haltung durchzieht alles, was ich tue – mein eigenes Schreiben, mein Magazin und meine wissenschaftliche Arbeit. Für mich ist Substanz kein Zusatz, sondern der Kern von echter Fantasy.“

„Na guck an, Seelenfinder, das müsste doch in dein Weltbild passen. Immer auf der Suche nach der Lehre, nach Wahrheit und Einsicht. Er könnte glatt in einem eurer Tempel anheuern.“
„Natürlich soll es beim Lesen darum gehen, in die Tiefe zu gehen und zu verstehen. Nicht jeder von uns nutzt Fantasy, um seinem eigenen elendigen Dasein zu entfliehen.“
Nerex steckt seine Hand in seinen Mantel und klimpert mit etwas.
„Weil eurer Dasein ja so nobel ist.“ Dann wendet er sich an Alex. „Und meinst du, dass Menschen wirklich lernen können? Dass sie verstehen und nicht doch nur die fein polierte Oberfläche der Geschichten sehen?“
„Erkenntnis hat Voraussetzungen, wenn sie bewusst entstehen soll. Und genau dort liegt der Kern: Nicht jeder Mensch ist imstande zu lernen oder sich zu verändern – zumindest nicht ohne Dringlichkeit, Neugier und echte Offenheit. Besonders dann nicht, wenn es um Weltbilder oder tiefgreifende Paradigmen geht, die das Fundament der eigenen Identität ins Schwanken bringen. Bewusste Veränderung erfordert eine aktive Entscheidung und eine innere Stabilität, um das Alte überhaupt infrage stellen zu können.
Was jedoch unvermeidlich ist – ob man es will oder nicht –, ist das unbewusste Lernen.
Indoktrination, Wiederholung von Narrativen, subtile Verhaltensmuster: All das formt den Menschen, lange bevor er es versteht. Dieses unbewusste Speichersystem reagiert rein funktional. Je häufiger bestimmte Strukturen auftreten, desto stärker prägen sie Wahrnehmung, Überzeugungen und die geistige Entwicklung.
Kurz gesagt: Bewusstes Lernen ist eine Fähigkeit, die nur unter bestimmten Bedingungen entsteht. Unbewusstes Lernen dagegen geschieht immer – automatisch, kausal, unumgänglich.“
Breanos lächelt. „Alex, hier kommt Aethel mit deinem Seelenbrandt.“
Ein Geben und Nehmen
„Tut mir leid, Alex. Da hinten gab es einen kleinen Tumult am Spieltisch.“ Sie grinst. „Und das ganz ohne dein Zutun, Nerex. Wenn ihr noch etwas braucht, sagt Bescheid.“
„Vielen Dank, Aethel. Es ist gar nicht aufgefallen, dass es gedauert hat.“
„Du bist zu höflich, Alex“, brummt Nerex. „Ich brauche noch ein Ale, Aethel. Während Breanos den Fremden hier löchert, hat mein Krug vor lauter Schreck auch ein Loch bekommen und ich sitze auf dem Trockenen.“
Aethel nimmt einen neuen Krug von ihrem Tablett. „Ich habe mit nichts anderem gerechnet. Hier. Ich schreibs auf.“
Nerex neigt den Kopf.
„Zurück zum Thema, Alex“, ergreift Breanos das Wort. „Sag mir, welche Ordnung verfolgst du mit deinem Magazin?“
„Welche Ordnung ich mit meinem Magazin verfolge, hängt davon ab, wie man „Ordnung“ definiert. Im tiefsten Sinne orientiere ich mich an einem Prinzip, das ich Wissen dritter Ordnung nenne. Mich interessieren weder bloße Fakten noch das Nachdenken über Fakten, sondern die Mechanismen, wie Wissen überhaupt entsteht – welche Strukturen, Wahrnehmungen und Kausalitäten dazu führen, dass ein Mensch ein Verständnis von der Welt formt. Genau auf dieser Ebene baue ich mein Magazin auf: nicht als Sammlung von Informationen, sondern als Raum für Ursprungslogik, Tiefe und funktionale Erkenntnis.
Auf der praktischen Ebene folge ich einem einfachen, aber konsequenten Prinzip: Geben und Nehmen in Balance. Ich gebe meinen Autoren so viel Unterstützung zurück, wie mir möglich ist – Sichtbarkeit, Qualität, Kontext, Substanz. Und ich nehme nur so viel, wie notwendig ist, um das Magazin langfristig zu tragen. Ich weiß, wie hart der Weg vieler Autoren ist, und ich möchte ihnen faire Wege eröffnen, ohne sie auszubeuten.
Gleichzeitig ist das Magazin meine Vollzeitarbeit. Es lebt von meiner Zeit, meinem Wissen und meinem Einsatz. Deshalb erwarte ich im Gegenzug eine gewisse Grundverantwortung und Wertschätzung. Ich investiere enorme Arbeit, Disziplin und Herzblut in dieses Projekt – und die Ordnung, der ich folge, ist genau diese: Substanz, Fairness und eine funktionale Balance zwischen Geben und Nehmen.“
„Arbeit, Disziplin und Herzblut. Genau so sollte es sein, bei dem, dem wir unsere tägliche Zeit widmen.“
Nerex haut mit der Hand auf den Tisch. „Disziplin!“ Seine Stimme ist so laut, dass sogar Aethel an der Theke kurz zusammenzuckt und sich mehrere Köpfe zu ihnen drehen. „Arbeit! Menschen und Goldbeschildete. Was für ein armseliges Leben, immer bemessen an der Zeit, die euch durch die Finger rinnt.“
„Immerhin führen wir ein echtes Leben und haben unsere Lebenskraft nicht gestohlen. Und warum führt ihr eure Aufträge aus? Weil euch wirklich daran gelegen ist? Oder weil ihr die Strafen der Hohen fürchtet! Wo ist eure so geschätzte Freiheit?“
„Du bist viel zu ernst, Seelenfinder! So wie der Fremde hier. Alex, dir täte eine Runde lachen auch gut. Aber eines muss ich dir lassen, du vermagst es Worte zu führen. Und irgendwie gefällt mir dein Magazin. Ich hab in ein paar der Texte hineingelesen. Vielleicht kommen wir ja noch zu interessanteren Fragen.“
„Vermutlich schneller als dir lieb ist. Und dass du von tieferem Wissen ablenken willst, wundert mich nicht. Oberflächlicher Spieler, der du bist.“
Nerex starrt Breanos einen Moment an. „Spieler, eh? Du traust dich ja nie, mit mir zu würfeln.“ Dann dreht er sich zu Alex: „Wie steht es mit dir? Ein Würfelspiel? Nein? Dann sag mir Folgendes: Hast du denn verstanden, wie es trotz des ganzen Wissens, dem Verständnis von der Welt, dass doch durch endlos viele Geschichten längst geformt sein müsste, die Grausamkeit immer wieder siegt? Sollten die Geschichten die Menschen nicht Besseres gelehrt haben? Nicht, dass ich mich beschwere. Ihr Menschen seid ein sprudelnder Quell der Kraft, erzeugt durch Leid und Schmerz.“

Alex senkt den Blick für einen Moment, fast wie jemand, der eine unangenehme Wahrheit nicht leugnen will. Dann antwortet er ruhig: „Ein trauriges Ja, Nerex. Ich habe verstanden, warum die Grausamkeit immer wieder siegt – trotz all des Wissens, trotz all der Geschichten, die den Menschen eigentlich etwas Besseres hätten lehren sollen.“
Er hebt den Kopf. „Der erste Irrtum ist die Annahme, dass die Menschen dieses Wissen überhaupt besitzen. Die meisten kennen die Geschichten – aber nicht ihre Funktionslogik. Sie sehen Symbole, keine Strukturen. Bilder, keine Ursachen. Und der zweite Irrtum: Der stärkste Antrieb des Menschen ist nicht Weisheit, nicht Güte, nicht Harmonie. Es ist der Erhaltungstrieb. Und dieser aktiviert sich nicht in Zeiten des Glücks, sondern in Zeiten der Gefahr.“ Alex zeichnet einen Bogen in die Luft. „Ein Mensch, der wunschlos glücklich ist, wird selten proaktiv. Ein Mensch, der Angst hat, wird es immer.
Darum wachsen bestimmte Strukturen – besonders destruktive – schneller und stabiler. Sie werden durch starke Emotionen gespeist: Zorn, Hass, Verzweiflung. Positive Zustände erzeugen Frieden, aber selten Bewegung. Negative erzeugen Bewegung, aber selten Frieden. Das ist der grundlegende Widerspruch der menschlichen Natur.“ Ein tiefer Atemzug. „Ein weiterer Punkt ist der ewige Konflikt zwischen Zentralität und Dezentralität.
Dezentralität verhindert Machtmissbrauch – aber sie verhindert ebenso, dass genug Macht vorhanden ist, um bestehende Tyrannei zu verdrängen. Zentralität schafft Handlungsfähigkeit – aber auch die Gefahr der Unterdrückung.
„Darum verlaufen Zivilisationen in Zyklen. Aufstieg, Zerfall, Wiederkehr. Wissen selbst ist vergänglich. Es wird nicht als Struktur vererbt, sondern als Erinnerung – und Erinnerungen sterben mit denen, die sie tragen. Vieles, was Menschen einst wussten, ging verloren und wurde Jahrhunderte später neu entdeckt, als hätte es niemals existiert.“ Alex blickt Nerex fest an. „Der Mensch handelt erst, wenn er die Notwendigkeit spürt. Nicht wenn er geborgen ist. Nicht wenn er satt ist. Nicht wenn er geliebt wird.
Es sind die Schatten – Angst, Zorn, Schmerz –, die den größten Innovationsschub erzeugen. Die Lichtseiten des Lebens schaffen Stabilität, aber keine Bewegung.“ Ein kurzer, leiser Moment. „Nur eine Kraft ist größer als die Angst. Eine einzige. Erkenntnis.
Doch sie ist der seltenste aller Treiber. Sie verlangt Mut, Selbstkonfrontation, und die Bereitschaft, das eigene Weltbild zu riskieren. Deshalb erreichen nur wenige Menschen sie bewusst. Die meisten werden weiterhin vom Leid geformt, nicht von der Einsicht.“ Alex lächelt traurig. „Das ist keine Anklage. Es ist einfach die Realität der menschlichen Struktur.“
Breanos blickt nach unten. Die Hände verschränkt auf seinem Schoß. Er atmet. Einmal. Zweimal. Dann nickt er. „Ich wünschte, es wäre anders, aber leider gebe ich dir recht.“
Nerex knallt seinen Krug auf den Tisch. „Komm schon, Seelenfinder. Ich würde ja sagen, lass uns von fröhlicheren Dingen sprechen, aber eigentlich gefallen mir diese Dinge ganz gut.“
Die Wahrheit der Grimdark Fantasy
„Natürlich. Angst, Zorn und Schmerz – ohne sie wärst du schon längst zu Staub zerfallen. Aber das heißt nicht, dass man sich nicht einen Moment nehmen darf, um zu schweigen, zu atmen, zu regulieren. Nicht alles wird vom goldenen Schild von einem ferngehalten. Und manchmal ist es sinnvoll, hinzusehen. Aber lass uns trotzdem zurückkehren in die Welt des Geschriebenen. Sag mir Alex, wo wir doch von dem reden, was die Zivilisationen bewegt. Von den Schatten, von Macht und Missbrauch, von den düsteren Gefühlen: Wie stehst du zu Grimdark Fantasy?“
„Grimdark – und Dark Fantasy im Allgemeinen – fasziniert mich persönlich sehr. Dieses Subgenre legt eine Ambivalenz frei, die in vielen anderen Formen der Fantasy kaum sichtbar wird. Es reduziert sentimentale Überhöhungen auf ein Minimum und konfrontiert den Leser stattdessen mit den rohen, unverstellten Grundschichten menschlicher Psyche und Erfahrung. Genau darin liegt für mich der Wert: Grimdark zeigt oft mehr Wahrheit, als uns lieb ist.
Aus analytischer, psychologischer und wissenschaftlicher Perspektive ist dieses Genre besonders spannend. Grimdark blickt direkt auf die fundamentalen Triebe, Schattenseiten und inneren Konflikte des Menschen. Es macht sichtbar, was im Alltag gern verdrängt wird, und zeigt, wie fragil, komplex und ambivalent menschliche Natur tatsächlich ist.
Auch die Autoren, mit denen ich in diesem Bereich arbeiten oder die ich interviewen durfte, sind bemerkenswert vielseitig. Vom ehemaligen Soldaten, der seine Kriegserfahrungen literarisch verarbeitet, bis zur sanftmütigen Persönlichkeit, die über düstere Welten Zugang zu den tieferen Ebenen der Psyche findet – Grimdark zieht eine erstaunlich breite Palette menschlicher Hintergründe an. Genau das macht es so aufschlussreich.
Besonders spannend finde ich den Gegensatz zwischen der Erkenntnis, dass jeder Mensch die in Grimdark sichtbaren Abgründe potenziell in sich trägt, und der gleichzeitigen gesellschaftlichen Verdrängung dieser Tatsache. Dieser Spannungsbogen – zwischen menschlicher Natur und moralischem Selbstbild – macht Grimdark für mich zu einem der ehrlichsten und intensivsten Subgenres der Fantasy.“
„Ja, Grimdark spiegelt den Kern der menschlichen Natur. Führt dazu, dass unser Freund hier sich lieber mit Dark Fantasy herumtreibt, als mit Grimdark. Da haben wir uns tatsächlich schon einmal drüber unterhalten.“ Breanos lächelt.
Nerex brummt unverständlich etwas, zuckt dann mit den Schultern und trinkt einen Schluck Ale.
Breanos sieht ihn einen Moment an und dreht sich dann zu Alex zurück. „Gelegentlich wird von Grimdark ja gerne behauptet, es sei zu gewaltverherrlichend, zu zynisch, zu gritty. Wie stehst du dazu?“
Alex lehnt sich leicht zurück, betrachtet Breanos für einen Moment und antwortet dann ruhig: „Was soll ich dazu sagen? Der Vorwurf ist in sich widersprüchlich. Grimdark als ‚zu düster‘ oder ‚zu gewaltverherrlichend‘ zu kritisieren, ist wie einem Erotikroman vorzuwerfen, dass er zu viel Nacktheit zeigt. Die Kritik verfehlt die Natur des Genres. Grimdark beschäftigt sich mit den Schattenseiten des Menschen. Und Schatten sind nun einmal nicht schön. Aber sie zu zeigen bedeutet nicht, sie zu verherrlichen. Es bedeutet lediglich, dass man sie nicht verdrängt.“

Alex hebt eine Hand und zeichnet eine unsichtbare Linie in die Luft. „Der einzige Punkt, an dem ich von Verherrlichung sprechen würde, ist dann erreicht, wenn man Grimdark als die einzige Realität der Menschheit ausgibt. Als ultimatives Menschenbild. Das wäre falsch – und funktional instabil. Denn Grimdark bildet nur eine Schicht der menschlichen Psyche ab: die destruktive, die rohe, die von Angst und Macht getrieben ist. Diese Schicht existiert, prägt, formt und führt sogar zu Innovation, wenn sie durch Druck aktiviert wird. Doch sie ist nicht die vollständige Natur des Menschen.“
Alex’ Blick wird schärfer. „Die Zivilisation besteht niemals aus nur Licht oder nur Schatten. Die Welt ist kein binäres System. Sie ist ein Geflecht aus mehreren Schichten – Hoffnung, Mut, Liebe, Verzweiflung, Zorn. Grimdark beleuchtet eine davon, und es tut dies bewusst und ohne Weichzeichnung. Das ist kein Zynismus, sondern Klarheit.“
„Die Menschen waren zu diesen Taten immer fähig – die Historie, die Mythen, die Chroniken zeigen das überdeutlich. Grimdark ist nicht gewaltverherrlichend. Es ist augenöffnend. Das Problem entsteht erst, wenn Leser oder Autoren vergessen, dass es nur ein Teilaspekt ist. Doch solange klar ist, dass Grimdark eine gezielte Linse auf die dunkle Seite der menschlichen Psyche wirft – und nicht den Anspruch erhebt, die ganze Wahrheit abzubilden – sehe ich keinerlei Widerspruch zum Gesamtbild des Menschen.“
Er schließt ruhig: „Dunkelheit ist ein Teil der Realität. Aber eben nur ein Teil. Grimdark zeigt sie ohne Maske – und genau deshalb hat es seinen Platz.“
„Dunkelheit ist die Realität“, murmelt Nerex.
„Für dich. Und solche wie dich“, schränkt Breanos ein und seufzt. „Ich schätze Grimdark wie gesagt sehr. Aber der Titel deines Magazins, Alex, war nicht Grimdark Magazine sondern Fantasy News & Lifestyle. Was gehört für dich alles zum Fantasy Lifestyle?“
Ein Resonanzraum
„Was für mich zum Fantasy-Lifestyle gehört, reicht weit über die üblichen Bilder von Cosplay, Büchern oder Conventions hinaus. In meinem persönlichen Spektrum ist Fantasy ein Resonanzraum, in dem ich denken, forschen und entwickeln kann – frei von moralischen Vorgaben, kulturellen Vorurteilen oder ideologischen Verzerrungen. Fantasy erlaubt mir, Strukturen und Mechanismen zu analysieren, ohne dass reale Normen den Denkprozess beeinflussen.
Deshalb ist mein Fantasy-Lifestyle unmittelbar mit Wissensbildung, Forschung und Denkarchitektur verbunden. Für mich ist Fantasy nicht nur ein Genre, sondern ein funktionaler Raum, in dem philosophische und wissenschaftliche Arbeit unbefangen möglich ist. Keine politische Färbung, keine kulturelle Prägung – nur reine Struktur, Kausalität und Erkenntnis.
Gleichzeitig umfasst der Fantasy-Lifestyle natürlich auch das gesamte Spektrum, das ich in meinem Magazin abdecke: Events, Cosplay, Filme, Serien, Bücher, Games – online wie offline. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht auf irgendeine Weise Fantasy berühren kann. Genau das macht diesen Lifestyle so faszinierend: Er ist breit, kreativ, verbindend und zugleich ein Ort geistiger Freiheit.
Für mich persönlich steht jedoch ein Punkt an erster Stelle: die Möglichkeit, im Fantasy-Kontext unvoreingenommen zu forschen und zu denken. Das macht Fantasy zu einem Lifestyle, der weit über Unterhaltung hinausgeht – hin zu einem Raum, in dem echte Erkenntnis entstehen kann.“
„Oh, endlich wird es spannend! Was glaubst du, geht in Menschen vor, die sich dem Cosplay verschrieben haben?“
„Ich dachte mir, dass das unseren Spieler interessiert“, wirft Breanos ein. „Aber bevor du ausholst, Alex, fass es doch noch ein wenig breiter: Wenn Spieler, ganz gleich welcher Art, sich der Düsternis hingeben, glaubst du sie werden böse? Also, ich meine Folgendes. Wenn ein Mensch die Gelegenheit nutzt, und jemand Böses spielt, der vielleicht auch noch brutale Dinge tut, trägt er das Böse bereits in sich, wird er böse, oder hat das Spiel keinen Einfluss auf den Spieler?“
Alex legt die Hände zusammen, als wolle er das Thema zuerst ordnen, bevor er spricht. „Eine hervorragende Frage, Nerex. Und um sie sauber zu beantworten, muss man zwei Ebenen trennen: die Rolle und die Identität. Jeder Mensch, der eine Figur spielt – ob im Theater, im Rollenspiel oder im Cosplay –, übernimmt zwangsläufig einen Teil dieser Figur. Das ist kein Mysterium, sondern reine Mechanik der Psyche. Wenn man sich in eine Rolle hineinbegibt, aktiviert man bestimmte Verhaltensmuster, die dieser Figur entsprechen.
Doch dieser Einfluss bleibt begrenzt, solange die eigene Identität sichtbar bleibt.
Wenn jemand als Held oder Schurke verkleidet ist, aber sein Gesicht, seine Stimme und seine Wiedererkennbarkeit mitträgt, dann bleibt sein innerer Kompass stabil. Die Rolle färbt ab – aber sie ersetzt nichts.“ Er blickt kurz zu Breanos. „Ein Mensch, der als Monster auftritt, wird dadurch nicht zum Monster. Nicht, solange er sich selbst noch sieht.“ Alex senkt die Stimme.

„Gefährlich – oder besser: wirkkräftig – wird es erst, wenn die Identität vollständig verschleiert wird. Sobald niemand mehr erkennt, wer hinter der Maske steckt, setzt ein gut dokumentierter Mechanismus der Psyche ein: Der Mensch fühlt sich nicht mehr beobachtet. Und was nicht beobachtet wird, fühlt sich weniger verantwortlich.“ Er tippt sich leicht an die Schläfe. „Diese Entlastung von Verantwortung führt dazu, dass man schneller in die Eigenschaften der gespielten Figur rutscht – ob gut oder böse. Nicht, weil man böse wird, sondern weil die innere Bremse schwächer ist.
Das hat nichts Übernatürliches an sich. Es ist schlicht die Funktionslogik menschlichen Verhaltens: Wahrgenommene Anonymität verstärkt Rollenverhalten. Wahrgenommene Sichtbarkeit dämpft es.“ Alex schüttelt sanft den Kopf. „Nein. Niemand verwandelt seine innere Moral, nur weil er einen dunklen Charakter spielt. Aber das Verhalten kann temporär roher werden – je weniger die eigene Identität präsent ist.
Das heißt: Nicht die Rolle macht den Spieler böse. Aber die Abwesenheit eigener Identität erlaubt dem Spieler, Aspekte auszuleben, die er sonst disziplinieren würde.“ Er lächelt leicht, aber ohne Spott. „Darum ist Cosplay weder gut noch schlecht. Es ist ein Verstärker. Ein Spiegel. Wer Liebe verkörpert, verstärkt Liebe. Wer Dunkles verkörpert, verstärkt Dunkles – aber nur innerhalb der Grenze der eigenen Verantwortung.“
Alex fasst es für Nerex zusammen: „Je sichtbarer die wahre Identität, desto schwächer der Einfluss der Rolle. Je stärker die Verschleierung, desto kräftiger die Wirkung der gespielten Persona.“ Dann sieht er zu Breanos. „Der Mensch wird nicht böse, weil er das Böse spielt – aber er kann mutiger darin werden, es auszudrücken, wenn er glaubt, niemand wisse, wer er ist.“
„Zu schade“, brummt Nerex. „Der Nutzen des Cosplay bleibt dann doch hinter meinen Erwartungen zurück. Nun, vielleicht müssen wir einfach die möglichen Rollen einschränken. Aber ich habe noch nie bemerkt, dass ich Liebe verstärke, wenn ich gelegentlich den Weißen Zauberer spiele.“
„Dafür müsstest du erst einmal Liebe in dir tragen.“ Breanos Augen funkeln. „Eine letzte Frage, Alex: Wenn du Magie hättest, was würde diese Magie tun?“
Eine Frage der Magie
„Wenn ich mit Magie geboren wäre, dann wäre es keine der klassischen elementaren Neigungen wie Feuer, Wasser, Wind, Schatten oder Telepathie. Diese Formen von Magie wirken innerhalb der Realität. Sie greifen auf bestehende Kräfte zu und nutzen sie – aber sie verändern nicht die Grundstruktur, in der diese Kräfte existieren.
Meine Neigung läge auf einer anderen Ebene: in einer Meta-Ordnungsmagie. Eine Magie dritter Ordnung, die nicht einzelne Elemente manipuliert, sondern die Rahmenbedingungen, in denen Elemente überhaupt wirken können. Eine Magie, die Realität stabilisieren oder destabilisieren kann, die Mechanismen verändert, Muster neu kalibriert und Systeme als Ganzes beeinflusst.“
Alex lehnt sich zurück. „Wenn diese Magie eines kann, dann dies: Sie kann helfen, den Korridor zu halten – den Raum, in dem Hoffnung und Grausamkeit sich ausbalancieren, ohne dass eines davon das Ganze zerreißt. Mehr wäre Übergriff in die Grundarchitektur der Realität. Und wer das versucht… hebt nicht die Grausamkeit auf, sondern die Welt.“
Beide sitzen sie schweigend da, Nerex und Breanos. Trinken einen Schluck. Sehen sich an. Dann grinst Nerex. „Alex! Du bist kein Fremder, auch wenn du nicht von dieser Welt bist. Komm mit mir spielen, wann immer du magst. Oder trinken. Oder meinen Liedern lauschen.“
„Was er damit sagen will“, mischt sich Breanos ein, „ist, dass du zu uns gehörst. Dass du immer willkommen bist.“ Dann steht er auf. „Aethel?“
Die Wirtin kommt an den Tisch. „Krüge leer?“
„Nein, das nicht. Ich wollte nur fragen, ob du für diesen Reisenden hier ein Zimmer freihältst.“
Aethel nickt, der Würfel an ihrem Ohr tanzt. „Natürlich, Alex. Du bist immer herzlich Willkommen.“
Vielen Dank an Alex Strüver vom Fantasy News & Lifestyle Magazin
Wer mehr darüber wissen will kann zum einen im Buch der Rezensionen gucken
und zum anderen natürlich bei Alex selbst
Die Worte und Meinungen meiner Figuren sind deren Meinung und bewusst teilweise pointiert und hart gehalten. Sie entsprechen NICHT meiner persönlichen Meinung!
Beormere wächst mit jeder Frage.
Wenn du noch tiefer eintauchen willst – in Andrargs Schriften, die Krasos oder die Unterwelt – dann abonnier den Krasonischen Boten und hilf mir, die Schriften weiterzuschreiben. Oder stell Nerex direkt Fragen. Er liebt es, darauf zu antworten. Meistens reiße ich ihm aber das Blatt aus der Hand und schreibe doch lieber selbst etwas dazu.
